Von der Dreimonatsspritze übers Kondom bis zur Pille danach: Wer kein Kind will, bekommt heutzutage auch keins mehr. Und wer eins möchte, muss sich nicht mehr nur aktiv darum bemühen, sondern sich vor allem rational dafür und gegen die Verhütung entscheiden. Kinder entstehen also nicht mehr im Bett, sondern zunächst einmal im Kopf.

Das macht die Sache natürlich kompliziert, vor allem für den Mann. Denn während die Frau allenfalls noch so etwas wie einen natürlichen Kinderwunsch verspürt, ist das Einzige, was der Mann zweifelsfrei vernimmt, der Ruf der Freiheit. Und rein «kopfmässig» – seien wir ehrlich – spricht relativ wenig fürs Kindermachen: weniger Geld, weniger Freizeit. Weniger Karriere, weniger Sex. Weniger Freunde in New York, weniger Zeit und Raum für kreative und berufliche Projekte. Weniger Schlaf. Nicht verwunderlich also, dass Kinder in unserer Multioptionsgesellschaft für immer mehr Menschen keine Option mehr sind. Und wenn doch, dann erst, wenn Mann und Frau ihre Hörner abgestossen wähnen und meinen, so viel erlebt oder erreicht zu haben in ihrem Privat- und Berufsleben, dass sie nun nichts Entscheidendes mehr verpassen könnten.

Das Gürteltier und seine bissige Mama

Keine Frage: Mit einem Kind verschiebt sich die Perspektive vom Ich zum Wir. Schliesslich ist da von einem Tag auf den anderen was in der Wohnung, das nach süssem Krümel riecht, in Sachen Haltung und Pflege aber die Ansprüche eines ausgewachsenen und äusserst wartungsintensiven Nacktschwanzgürteltiers stellt. Mindestens. Und am anderen Morgen ist das bedürftige Bündel immer noch da. Und übermorgen auch. Ja, die nächsten 20 Jahre vielleicht. Damit muss man erst mal klarkommen.

Anzeige

Und dann gibt es diese Nacktschwanzgürteltiere auch immer nur im Doppelpack mit ihren Müttern. Auch die sind nicht immer einfach bei Laune zu halten und können zuweilen ganz schön bissig sein. Aber weil sie einem wie das Kind auch was bieten, einen glücklich machen, wenn sie selber glücklich sind, versucht man sich jeden Tag aufs Neue mit ihnen zu arrangieren, ihren Bedürfnissen gerecht zu werden. Liebe ist vieles. Aber eben auch immer ein gutes Stück Arbeit.

Ein Leser bezeichnete meine Kolumne mal als Antibabypostille: «Seit auch meine Frau sie liest, vergisst sie fast nie mehr ihre Pille.» So kann man das sehen. Ich sehe es anders. Seit bald acht Jahren lebe ich nun im Schwitzkasten Familie. Und ich darf behaupten, ohne rot zu werden: Wer so viel erlebt hat, kann überhaupt nichts verpasst haben. Und natürlich kann man den Kopf in den Sand stecken, wenn die Tochter dem Sohn des Erziehungstaliban von nebenan mit dem Schüfeli einen Scheitel zieht. Oder wenn die Frau die erotischen Avancen kaltschnäuzig ignoriert, obwohl die medizinisch empfohlene Schonzeit von sechs Wochen nach der Geburt schon vor Monaten abgelaufen ist.

Anzeige

Manchmal ist es zum Heulen

Oder wenn der Sohn einen das erste Mal «Arschloch» schimpft, man selber das «Mein Sohn, das Arschloch» aber nicht mal denken darf. Oder wenn sich die Familie keinen Deut darum schert, dass einen die Kumpels am Vorabend verführt haben mit ihrem «Eis hämmer no immer gno!», und sie sich dann rücksichtslos um sieben in der Früh im Ehebett versammelt – zum kollektiven Trampolinspringen. Klar, dann könnte man heulen. Man kann aber auch anders. Heiraten und Kinderkriegen mag vielleicht ein heftiger Tritt in den Tabernakel der Männlichkeit sein. Entscheidend ist, dass Papi trotzdem lacht.

In diesem Sinn versteht sich auch das Buch «Papa steht seinen Mann», das ich geschrieben habe und das nun erhältlich ist. Es ist kein Ratgeber im eigentlichen Sinn. Denn kein Mann geht auf in seiner Rolle als Vater, wenn er sich nur genau an die Backanleitung hält. Und doch sollte er einige Dinge wissen über das Leben als Familienmensch. Denn Frau hat das Mamisein vielleicht im Blut, Papi vom Vatersein im Grunde keinen Plan. Das ist sein grösstes Handicap aber auch sein grösster Trumpf. Denn wer keinen Plan hat, der nimmt das Leben, wie es kommt. Notfalls mit Humor.

Anzeige