Die violetten Strümpfe lagen gerade bereit. Ebenso das orange Oberteil mit den herzigen Sternchen. Wenn ich meine Tochter anziehe, muss es ja nicht immer was Frisches aus der Kleiderkiste sein. Mann muss heute praktisch denken. Schliesslich ging Klementine selig 1983 in Pension, und mit der kultigen Königin der Waschküche aus der «Ariel»-Werbung dankten auch die anderen Musterhausfrauen ab – so jedenfalls meine ganz persönliche Erfahrung. Kurz: Wenn Mann schon waschen und bügeln soll, soll er auch mitbestimmen dürfen, was sauber aus dem Kleiderschrank kommt und was schmutzig in den Wäschekorb.

Über das orange Oberteil zog ich meiner Tochter die dunkelgraue Strickjacke an, ein rotes Halstuch gegen den kalten Wind und als Abschluss die rosa Regenjacke mit den bunten Blümchen und die braunen Schuhe mit den handlichen Klettverschlüssen. Sodeli. Das ging ja flott heute. Ich hievte Liv also vom Sockel und schickte sie mit einem liebevollen Klaps auf den Hintern in den Tag.

Drei Minuten später kam Liv zurück – in Strümpfen und Body. Die Regenjacke, die Strickjacke, das orange Oberteil und die Schuhe waren verschwunden. Offensichtlich war sie – beziehungsweise ich – beim Mode-Check mal wieder durchgefallen. Nicht das erste Mal. Aber das letzte Mal, sagte ich mir und schritt selbstbewusst zu meiner Frau ins Badezimmer. «So nicht», meinte ich und leierte was runter von wegen geschlechterspezifischem Modegeschmack und dem Recht des Vaters auf das Anziehen seiner eigenen Tochter. Ich zog den Kürzeren – und Liv nochmals an.

Anzeige

Diesmal wählte ich zu den violetten Strümpfen einen violetten Body, darüber ein rosafarbenes Irgendetwas mit Blümchen und ein pinkfarbenes Halstuch mit Streifen. Liv sah süss aus, fand ich – wie ein Bonbon. Ich war optimistisch, dass ich sie in dieser Verpackung durch den Style-Check bringen würde. Frauen stehen schliesslich auf «süss», «goldig», «zauberhaft». Ich täuschte mich: «Mann, Sven, siehst du das nicht?», fragte meine Frau. «Liv sieht aus wie ein Bonbon.»

Ich gab auf und überliess ihr das Zepter. Sie nahm es nur widerwillig an und murmelte irgendwas, das sich nach «Könnt ihr Männer auch irgendetwas selbständig?» anhörte.
Seither lasse ich die Finger von der Kleiderkiste meiner Tochter. Es gilt die Abmachung: Frau kümmert sich ums Aussehen der Tochter, Mann um dasjenige des fünfjährigen Sohnes. Letzteres ist simpel: «Fin, zieh dich an!»

Anzeige