Wir hätten ihn vermutlich gar nicht bemerkt. Oder erst, wenn er schon fast an uns vorbei gewesen wäre. So aber schauten wir alle gebannt in Richtung Hundwiler Höhe, unsere volle Aufmerksamkeit auf diesen Typen gerichtet, der da im beschaulichen Appenzellerland wie aus dem Nichts auf uns zu wanderte in Socken, Wanderschuhen, mit Rucksack und sonst nichts. «Achtung, nicht hinsehen: ein Nacktwanderer!», hatte meine Frau posaunt, als sie den Mittvierziger erblickte. War gut gemeint. Aber «Achtung!», «nicht hinsehen» und «Nacktwanderer» sind Worte, die sich irgendwie widersprechen. Welcher normal tickende Mensch hat da noch Augen für das Blümlein am Wegesrand? Ich nicht. Die Kinder nicht. Und meine Frau natürlich auch nicht.

Wir Erwachsenen versuchten krampfhaft, die Nasenspitze des Mannes zu fokussieren. Die Kinder aber tanzten wie die Klapperschlange nach der Flöte und glotzten beharrlich auf den mausgrauen Schwengel, der da im Rhythmus der Schritte auf uns zu pendelte. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis der Mann mit einem netten «Grüezi mitenand» an uns vorbeischritt, als wärs das Natürlichste der Welt, füdliblutt durch die Gegend zu laufen. Kein schöner Anblick. Klar, Nacktwanderer waren das grosse Thema im vergangenen Sommer. Aber eben in den Medien! Ich hätte gewettet, die gibts gar nicht. Es gibt sie.

Nun, unsereiner ist ja nicht prüde. Soll wandern, wer will und wie er will. Es ist denn auch nicht so, dass sich der Nacktwanderer in irgendeiner, allenfalls gar traumatischen Form im (Unter-)Bewusstsein der Kinder festgebissen hätte. Nein: Familie Broder hat ihn gut verdaut und schnell vergessen – bis vor zwei Wochen, als Fin den Kindergartenabschied feierte und mit seinem Montagsmalbuch nach Hause kam. Darin ist alles festgehalten, was Fin an den Wochenenden der letzten zwei Jahre so alles erlebt und gesehen hat. Freudig und gespannt blätterten ich und meine Frau also durchs gekritzelte Archiv: Fin mit Papi beim Fussballspielen, Fin im Wald, Fin mit Mami im Garten, Fin im Zirkus, Fin und «Was ist das?» – «Hm?» – «Ist das nicht ein nackter Mann mit einem...» – «Du meinst: riesigen Pimmel?» – «Sieht so aus.» – «...»

Nun war er wieder da, der Nacktwanderer von damals. Und mit ihm die Frage: Was um Gottes willen muss sich die Kindergärtnerin gedacht haben, als Fin an jenem unschuldigen Morgen diesen überbestückten nackten Adam Riese ins Heft kritzelte? Hätte sie über dem missverständlichen Bild nicht handschriftlich die Notiz «Nacktwanderer» hinterlassen, ich hätte sofort zum Hörer gegriffen und ihr die Sache erklärt – ja erklären müssen.