Damals im Dorf, wo ich aufgewachsen bin, werkelte ein Herr namens Luigi. Er war der Coiffeur und das Schreckgespenst von uns Kindern. Nicht dass Luigi böse war oder uns Böses wollte. Nein. Luigi hatte nur leider einen eigenwilligen Hang zur gewellten Frontpartie. Egal welche Wünsche man äusserte, ob Igelfrisur oder Pagenschnitt, bekommen hat man immer den gleichen grässlichen, geschwungenen Seitenscheitel. Auf dem Pausenplatz war stets offensichtlich, wer Luigi gerade unters Messer gekommen war. Ein Spiessrutenlauf. Die «Luigi-Welle», so nannten wir sie, hat mich ein Meer aus Tränen gekostet.

Meinen Kindern wollte ich diese Tortur stets ersparen – und griff selber zur Schere. Doch meine Frau hat meine Voreingenommenheit gegenüber der Scherenzunft nie verstanden. Genauso wenig wie meinen – sagen wir – eigenwilligen Stufenschnitt, den ich den Kindern jeweils verpasste. Also musste die Oma ran. Und ich gebs zu: Sie kanns besser. Nur – bis anhin hatte Fin auch noch keine Anzeichen von Eitelkeit gezeigt.

Das dürfte sich nun ändern. Schuld daran ist dieser Mann im Bus. Er trug diese Dreadlocks, also eigentlich wars nur noch eine einzige dicke Filzwurst, die ihm bis zum Hintern reichte. Einmal angeschnitten, weiss Gott, was da alles zum Vorschein käme. Ein gefundenes Fressen für Klimatologen: In solchen Haaren stecken die Geheimnisse eines ganzen Menschen­lebens drin wie in einem Bohr­kern aus dem ewigen Eis. Das dachte ich gerade, als Fin vor­sichtig den Zottel vor uns beschnupperte und fragte: «Papa, was ist das?» Haar, meinte ich, zu einer dicken Locke gedreht. Ich tat desinte­res­siert. Vergeblich. «Papa, das will ich auch» – da wusste ich: Jetz hämmer de Salat. Und tat­sächlich; abends erwischte ich Fin, wie er vor dem Spiegel – zum Glück noch sehr ungeschickt – an seinen Haaren zwirbelte. Ich sagte nichts. Soll sich die Oma drum kümmern…

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