Erziehung ist ja momentan so was von en vogue. Überall liest man, überall spricht man darüber. Ja, Erziehung ist ein derart heisses Eisen, dass sogar Gölä, der singende Chnuschti der Nation, seinen Senf dazu geben darf: «Meine Buben wissen, wenn sie nicht gehorchen, kommt das Grännihaar», meinte er in der «Weltwoche». Uh, wie ich mich noch erinnere an das grässliche Zwicken, wenn ich im Unterricht mal wieder über die Stränge geschlagen hatte. Ob mich das Rupfen am «Zäänihöörli» - so hiess das bei uns - aber wirklich glücklich gemacht hat, wie die «Weltwoche» behauptet, bezweifle ich. Und der Lehrer erreichte damit auch nicht gerade den Rang einer unantastbaren Autorität. Jedenfalls sah ich mich danach nicht mehr dazu verpflichtet, ihm nach meinem Vortrag über Rollbrettfahren von einem riskanten Selbsterfahrungstrip abzuraten. Im Gegenteil: Ich legte ihm ein Fährtchen regelrecht ans Herzchen - und husch, husch landete er auf dem Steissbein (Sie kennen das Gefühl?).

Nun ist es nicht so, dass mich das Thema Erziehung nicht interessieren würde. Ich habs nur nicht so mit dem erhobenen Zeigefinger. Und angesichts der sinkenden Geburtenraten könnte man ja durchaus mal die positiven Seiten des Nachwuchses herausstreichen. Denn bei der Art und Weise, wie Kinder und Jugendliche derzeit medial behandelt werden (im besten Fall Kampftrinker, im schlechtesten Fall Vergewaltiger), wird einem ja angst und bange. Irgendwann wird es noch so weit kommen, dass Eltern für die Verfehlungen ihrer erwachsenen Zöglinge geradestehen müssen, schliesslich ist ja alles nur die logische Konsequenz einer verfehlten Erziehung. Als ob es so einfach wäre.

Und noch etwas stört mich: Die Rute der selbsternannten Gutmenschen und Erziehungspropheten zielt fast ausnahmslos auf die Jungs. Schliesslich ist es wissenschaftlich erwiesen: Mädchen gehen weniger häufig in Hilfsklassen. Sie haben weniger Lernstörungen. Sie leiden seltener am Zappelphilippsyndrom. Mädchen sind allgemein pflegeleichter und vernünftiger. In den USA besuchen Paare vor dem Kindchenmachen bereits Genderkliniken, wo eine Sortiermaschine den männlichen Samen in X- und Y-Chromosomen trennt - der Arzt übernimmt dann den Rest des Mädchenmachens.

Als unerschrockener Optimist sehe ich auch da etwas Positives. Angesichts der in naher Zukunft zu erwartenden Frauenschwemme wird mein Sohn irgendwann so begehrt sein, dass er dafür bestimmt gerne einen Schluck Ritalin in Kauf nimmt. Oder ein Grännihaar, oder zwei, oder drei...

Quelle: Viviana Chiosi
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