Nachtrag zur letzten Kolumne. Sie erinnern sich: Thema war der tiefe Fall in die sexuelle Rezession mit Eintritt ins Ehe- beziehungsweise mit Eintritt ins Vaterleben und die Freude des kleinen Mannes, sich darüber beklagen zu dürfen. Eine aufmerksame Leserin schrieb mir nun folgende Zeilen: «Viel Mut - irgendwann kommt dann die Zeit, in der die Kids mehr Sex haben als die Eltern - das ist dann wirklich hart, das sage ich Ihnen.» Ich meine: Wo sie recht hat, hat sie recht. Sollte sich eines Tages ein fremder junger Mann mit O-Beinen an meinen Frühstückstisch setzen, grinsend und noch nach der Zigarette danach riechend, dann wird es Zeit sein, meiner Tochter den Auszug aus der elterlichen Wohnung nahezulegen. Ein Mann, ein Wort.

Doch bis dahin bleibt noch viel Zeit. Meine Tochter hat eben mal erst ihre Füsse entdeckt, und mein Sohn ist noch dabei, die zu ihm passende (Geschlechter-)Rolle für sich zu definieren - mit erschreckend offenem Ausgang. In der Krippe will er immer die Prinzessin sein. Und im Rollenspiel mit dem Nachbarsmädchen mimt er gewöhnlich das Baby oder den Hund. Bei mir hingegen spielt er meist den Boxer, der etwas totmachen kann. Im Vergleich zu den anderen, eher devoten Vorlieben wirkt der testosteronstrotzende «Totmacher» geradezu ermutigend.

Überhaupt scheint das Thema Tod meinen Sohn derzeit stark zu beschäftigen. Nicht nur dass er ältere Menschen gerne in lässigem Ton auf ihr nahes Ableben aufmerksam macht. Nein, er schleppt auch ständig matsche Käfer und zu Trockenfleisch erstarrte Würmer an. «Ist er tot?», fragt er dann. «Ja», sage ich. «Er ist jetzt im Himmel.» - «Nein.» - «Wieso?» - «Weil er noch da ist.» - «Stimmt! Aber bald.» - «Wann?» - «Bald.» - «Wie?» - «Was, wie?» - «Wie kommt er denn in den Himmel, wenn er tot ist?» - «Wotsch no en Chaugummi?»

Ich freue mich schon darauf, ihm dereinst das Thema Sexualität erklären zu dürfen, falls ich mich dann überhaupt noch daran erinnern kann - oder will.

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