Was für Hunde die Auslaufleine, ist für Eltern das Babyphone: ein Stück Freiheit, das uns erlaubt, mal kurz an der nächsten Häuser­ecke zu schnüffeln – mehr aber nicht. Denn letztlich versprechen die Dinger mehr, als sie halten. Um es am Beispiel Hund zu demonstrieren: Wir hatten mal ­einen Dackel, Strolchi. Ein liebenswürdiger, aber einfältiger Hund, der nicht einsehen wollte, dass jede Leine, wie lang sie auch ist, ein Ende hat. Egal, was wir taten, ob wir «Stopp!» riefen, die Hände verwarfen oder Böses ahnend die Augen schlossen, Strolchi selig rannte auf uns zu, närrisch vor Freude, und zurrrr! wurde er schmerzhaft an sein beschränk­tes Dasein erinnert. Er lernte es nie.

Und genauso wedelnd vor Freude rennt unsereiner ins Café um die Ecke, nachts, wenn die Kinder schlafen, um am Geburtstagsfest des Nach­barn wenigstens anzustossen aufs Glück und die Zukunft. Doch nicht nur, dass es doof aussieht, wie eine Indiana-Jones-Kopie mit Walkie-Talkie um die Häuser zu ziehen. Nein, am Fest standen plötzlich drei dieser Dinger herum, zwei ­davon auch noch der gleichen Marke.

Es kam, wie es kommen musste. In einem der drei virtuell anwesenden Babyzimmer war bald unüberhörbar der Teufel los – nur in welchem? Alarm schlug es flächendeckend. So rannten, schrill erinnert an ihr beschränktes Dasein, drei Paare nach Hause, wohlwissend, dass sie mit 66,6-prozentiger Wahr­schein­lichkeit vergebens auf Panik machten. Doch Ver­trauen ist in solchen Fällen ein schlechter Rat­geber. Kevin allein zu Hause mag lustig sein, Fin allein zu Hau­se wäre es nicht. Also los! Auf dem Weg hin und zurück bleibt Zeit, zu sinnieren: Warum kann ich im 21. Jahrhundert fast störungsfrei mit Hansi in Timbuktu telefonieren, aber Kaffee trinken um die Ecke mit Babyphone ist nach wie vor ein Tanz auf Eiern?

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Apropos Vertrauen: «Iss dein Müesli und hör auf zu stänkern!», meinte ich letzthin leicht enerviert, als Fin mal wieder missmutig im Schälchen herum­stocherte. Fin liess nicht locker. «Gruusig», meinte er nur. Und da war ich wieder «hässig!», und vor lauter «hässig!» schlang ich mein Müesli runter, als wollte ich Fin beweisen, wie stark und selbstbewusst man davon wird. Dass die Milch seit Tagen abgelaufen war, stellte ich erst fest, als meine Frau den Milch­kaffee über den Tisch spie. Man tut gut daran, dem Tief­schlaf seiner Kinder nicht zu vertrauen – ihre Geschmacks­nerven aber haben das eindeutig nicht verdient.