Zürich. Buslinie 32. Von Holzerhurd nach Strassenverkehrsamt, von irgendwo nach nirgendwo. Mittendrin: Langstrasse, Rotlichtviertel, das pralle Leben eben. Mein Sohn, vier Jahre alt und in Sachen Lebensenergie ein Duracell-Häschen, hat gerade sein erstes Velo bekommen. Violett lackiert, métallisé! Weisser Sattel, weisser Kettenschutz - kurz: ein geiles Teil! Fin ist mächtig stolz. Den Daumen hat er cool auf den Abzug der Mickymaus-Klingel gelegt. Er klingelt, klingelingelt, klingelingelingelt. «Fin!», sage ich energisch und schnalze mit der Zunge: «Ts-ts!» Das sollte fürs Erste reichen. In öffentlichen Verkehrsmitteln nicht unnötig Aufmerksamkeit erregen - vor allem junge Väter stehen hier unter besonderer Beobachtung...

«Uoohhh!», höre ich plötzlich. Natürlich eine Frauenstimme. Sie, geschätzte 40, sitzt uns gegenüber. Wobei... Sitzen ist übertrieben. Sie hängt in den Seilen. Dick, schlapp, zugedröhnt. Die Augenlider auf Halbmast. «Dasch abel es schööns Velo. Häsch nöi?», fragt sie meinen Sohn, viel zu euphorisch. Sie lallt. Fin lallt auch. Allerdings kann er das R aus physiologischen - und nicht wie sie aus toxikologischen - Gründen nicht r-r-rollen: «Schön, odel? Hätt e Lüüti.» Nein, Fin, nicht klingeln! Fin klingelingelt. «Woa! Meega!», meint die Schnapsdrossel von gegenüber. Die beiden haben sich tatsächlich gefunden - irgendwo in der Schnittmenge von Infantilität und Irrsinn. Warum müssen nüchterne Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln immer so langweilig vor sich hinstarren? Klar liebt Fin die Fahrt im Junkie-Express - auch wenns die Oma «tschuderet».

«Da häsch dim Bueb aber e riise Fröid gmacht», sagt die angeschlagene Dame. Ups, sie spricht zu mir. «Tja», sage ich - was Besseres fällt mir spontan nicht ein. Fin nickt und schaut wie ein Engel zu mir hoch. Auf Werbeplakaten stünde jetzt in fetten Lettern: «Papi ist der Grösste». Ich lächle. Längst geniessen wir die Aufmerksamkeit sämtlicher Busgäste. Die Leute - mehrheitlich Frauen - finden es ganz offensichtlich mal wieder ganz läss, wie dieser junge Papi das so macht mit seinem Sohn. Und der Sohn ist ja auch ein ganz Süsser. Als mir ein älterer Herr auch noch kumpelhaft zuzwinkert, wird mir vollends unwohl. «Undetzt, go probefahre?» - Warum gibt die Frau nicht einfach Ruhe? «Ja», sagt Fin, «aber zeerscht macht de Papi no es Fäähndli ane und malt Flämmli ufs Schutzblääch.» Tja, so bin ich eben. Okay, es reicht jetzt - und tschüss. «Aussteigen, Fin...»