Wusste der Kinderpsychologe, wovon er da redete - oder plagte den Schlawiner bloss das schlechte Gewissen? Von wegen Eltern sollen ihrem Kind die Fussball-EM nicht vorenthalten... Nicht nur, dass mich mein Sohn Fin in den spannendsten Momenten ständig mit Fragen wie «Werum hätt er jetzt de Maa gschupft?» löchert - nein, als ich gestern von der Arbeit kam, sass Fin bereits vor dem ausgeschalteten Fernseher - mit der Fahne in der Hand. So was muss einem Psychologen doch zu denken geben. Ich jedenfalls entschied, meinen Kindern einen EM-Ruhetag zu gönnen, und ging mit Fin und seiner kleinen Schwester Liv in den Zoo.

Ich hätte mir ja eigentlich gern die lustigen Affen gegönnt. Stattdessen schaffte ich es gerade mal bis zu den Reptilien, und die kommen im Zürcher Zoo schon kurz nach dem Eingang, gleich nach den Flamingos. Für Livs Faszination für diese Vögel hatte ich noch knapp Verständnis. Schliesslich stehen Mädchen einfach tierisch auf die Farbe Rosa. Zudem war es Livs erste Expedition in die Tierwelt, da darf man ruhig auch mal vor Flamingos haltmachen, selbst wenn diese langweiligen Streckhühner nichts weiter tun, als mit ihren Schnäbeln im Trüben zu fischen. «Lass dir Zeit, Sven», sagte ich mir, «du kommst schon noch zu deinen Affen.» Denkste.

Kaum hatte ich Liv vom pinken Federvieh weggelockt, sass ich auch schon vor den Aquarien. Und da blieb ich dann. Gefühlte vier Stunden lang drückte ich mir am Panzerglas die Nase platt und glotzte tumben Fischen beim Schwimmen zu. Hätte Liv wenigstens kurz bei Nemo vorbeigeschaut, «Uiuiui» gesagt und ihm zugewinkt wie andere Kinder. Nein, Liv sass einfach da, mit offenem Mund, und schwieg mit irgendeinem dahergeschwommenen Egli um die Wette.

«Geduld», sagten die Blicke der anderen Aquariumbesucher. Geduld? Hallo! Ich fühlte mich, als guckte ich morgens um zwei in nüchternem Zustand den Teleshopping-Kanal. Ich hatte keine Lust mehr, mich hier zum Affen zu machen. Ich schnappte Liv und schritt mit grossen Vorsätzen Richtung Reptilienabteilung. Auf halbem Weg begegnete ich Fin. Und es zeigte sich: Nicht nur er, auch Liv ist ein Pingu-Fan...

Ich nahm mir vor: Beim nächsten Zoobesuch gehe ich gleich zu den Affen. Und kurz vor den Schildkröten werde ich kurz beschleunigen. Oder ich werde einfach den Rat des Experten befolgen - und Fussball schauen.

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