Der Schnaps war versteckt, Papas Schlafzimmer vorsorglich verriegelt. Ansonsten war alles wie immer im Hause von Herrn Fruchtig. Man will ja nicht bünzlig sein und die eigene Bude zur Hochsicherheitszone erklären, wenn die Tochter ihre erste Teenie-Party steigen lässt. Einmal eine legendäre Fete lanciert, und man schwimmt die nächsten zwei Jahre auf dem Pausenplatz obenauf; das wollte Herr Fruchtig seiner Tochter nicht vermasseln.

Und dann das: Nichts hatte bis dahin auf einen Exzess hingedeutet, keine Zigistummel, kein Rotweinfleck - da machte Herr Fruchtig hinter dem Bett der Tochter eine böse Entdeckung. Dort, wo sich Staub, Haar und Dreck gewöhnlich zu einem Klümpchen sammeln, lag ein Kondom. Gefüllt! «Igitt» war Herrn Fruchtigs erster Gedanke. «Na warte, Mädchen» sein zweiter. Er packte das Corpus Delicti in ein Plastiktütchen und wartete auf den passenden Augenblick, den Gummi mit Extra der Tochter unter die Nase zu reiben. Doch der richtige Moment wollte nicht kommen.

So vergingen die Tage. Der Gummi hatte in Papa Fruchtigs Kopf mittlerweile Fäden gezogen zu einem undurchsichtigen Gewirr aus Fragen, Ängsten und bösen Vermutungen. Beim Thema Sex sind Männer normalerweise nicht auf den Mund gefallen - doch sollte man mit der Tochter reden, steht Papa plötzlich mit heruntergelassenen Hosen da. Hier kam ich ins Spiel. Herr Fruchtig erzählte mir also die ganze Geschichte und fragte dann: «Wann haben Mädchen heute eigentlich das erste Mal Sex? Mit 14? Ist das normal? Hätte ich was ahnen müssen, als der erste String im Waschkorb lag?» Herr Fruchtig tat mir echt leid, doch helfen konnte ich ihm nicht. In Sachen Sexualerziehung stecke ich noch in Kapitel eins fest, und da sind selbst die Bienchen noch ganz unschuldige Wesen. Herr Fruchtig musste sich selber helfen - und das tat er.

Er berief den Familienrat ein. Offizielle Traktanden waren Hausaufgaben, Ausgehen, Sackgeld. Das Kondom fiel unter «Diverses». «Da ist noch was», meinte Herr Fruchtig einleitend, kramte in der Hosentasche und knallte das Beweisstück auf den Tisch. Die Tochter rümpfte die Nase, musterte das Säckchen und rief dann, offenbar bereits ahnend, was nun kommen würde: «Moooritz!» Sekunden später stand ihr kleiner Bruder auf der Matte. Er gab alles zu, relativierte aber: «Nur reingespuckt, ich schwörs!» Moritz hatte keine Ahnung, wessen Suppe es war.