Das Auto meiner Kindheit sah aus wie ein Sarg, steckte aber voller Leben. Ein Volvo, Kombi. Orange. Schwer. Und gross. Vor allem der Kofferraum. Dort hinten sassen jeweils meine ältere Schwester und ich, bauten aus Kissen Burgen und fuhren, während draussen die Landschaft an uns vorbeizog, nach Österreich. Oder nach Italien. Manchmal spielten wir auch Karten, hörten uns Märchen an oder blätterten in Comic-Heften. Oder wir klebten an der Heckscheibe und winkten den Autofahrern hinter uns zu.

Vielleicht spielten wir auch was anderes. Ja, vielleicht sassen wir sogar sehr selten dort hinten im Laderaum, jenseits von Sicherheitsgurten, Aufprallschutz und Seitenairbags. Aber wir taten es. Ab und zu. Daran erinnere ich mich gut. Genauso wie ich mich an die Marocaine Extra erinnere, die meinem Grossvater – einem grossartigen Mann – jahrein, jahraus im Mundwinkel hing. Seine Oberlippe hatte sich längst auf den Glimmstängel eingestellt und eine natürliche Delle gebildet. Dort kommt der Filter rein. Das lernte ich früh.

Ich weiss auch noch, dass ich den Geruch einer frisch am Zigarettenanzünder entfachten Zigarette liebte. Nur dieses erste Wölkchen, das vom Fahrersitz über die Mittelkonsole zu uns nach hinten in den Fond schwebte. Und ich liebte es, für meinen Grossvater Zigaretten zu besorgen. «Äs paar Fränkler» in die Hand gedrückt zu bekommen, um am Kiosk «äs Päckli Marokän» zu «poschten», war toll. Irgendwie fühlte ich mich wichtig. Ernst genommen. Fast ein wenig erwachsen.

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Bier gabs auch in meiner Kindheit. «Ä Fläsche»: So hiess das. Feldschlösschen mit weissem Plastikdeckel. Mein Grossvater konnte den lässig wegflippen. Popp. Den ersten Schluck quittierte er jeweils mit einem genüsslichen «Ahhh», dann leckte er sich den Schaum vom Schnauz. Bier, popp, ahhh – so klang Feierabend mit Grill.

Wie sich die Zeiten ändern.

Gestern fuhr ich mit dem Fahrrad. Fin sass hinten im Kindersitz – ohne Helm. Den hatte ich vergessen. Eine Unachtsamkeit, ich weiss. Am Fussgängerstreifen schimpfte eine Frau: «Händ Sie kän Helm?» Sie stammte aus einer Zeit, in der es weder Velohelm noch Sicherheitsgurte gab und schon gar kein Rauchverbot in Beizen. Und jetzt schwang sie diese Moralkeule? Fast wäre ich sogar eingeknickt, abgestiegen und zu Fuss gegangen. Stattdessen fauchte ich zynisch: «Immerhin habe ich aufgehört zu rauchen» Denn ist doch wahr: Man braucht Glück, um das Leben zu überleben – egal ob unangegurtet im Kofferraum oder mit Helm auf dem Velo. Und im Leben Glück zu haben macht doch glücklich. Glücklicher jedenfalls, als ständig Angst vor dem Unglück zu haben...

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