Sie kennen das: Sie brauchen ein Zugbillett, Zigaretten oder dringend was Flüssiges, doch Ihnen fehlt das nötige Kleingeld für den Automaten. Das nervt. Herrlich entspannend deshalb zu wissen, dass man im Sparschweinchen der Kinder immer eine Menge Münz im Haus und zur Hand hat. Allerdings fällt einem – man muss es zugeben – der Griff in die fremde Schatzschatulle etwas gar leicht, hat man die anfänglichen Skrupel erst einmal überwunden. Irgendwann denkt man schon gar nicht mehr voraus, sondern setzt –Macht der Gewohnheit – von Anfang an auf den Groschen in der Not.

Nun wäre dies nicht weiter schlimm, wäre mir mein Sohn nicht auf die Schliche gekommen und ob meiner dreisten «Klaue­rei» zum bissigen Buchhalter von dagobertschem Format avanciert. Nicht dass ich ihn tatsächlich beklaut hätte. Stets war ich bemüht, das «ausgeliehene» Geld jeweils schnell wieder zurückzulegen. Doch eines Tages kam er mir zuvor. Weinend stand er danach in der Küche und fabulierte was von Einbrechern, die ihm 15 Franken gestohlen hätten. Da sah ich mich gezwungen, ihm meine sporadischen Zugriffe zu beichten. Danach verging, wie gesagt, keine Woche mehr, in der er sein Säuli nicht mindestens einmal aufs Kreuz legte und die Kasse machte.

Das Thema Geld schien ihm zwischenzeitlich echt über den Kopf zu wachsen – und das meine ich wortwörtlich, ist ja erst sieben, der Kleine. In dem Alter sollte doch ein Sack saure Nudeln die Währung sein, um die sein Denken kreist. Doch Sohnemann dachte bereits in grossen Dimensionen. Statt einer Glace wollte er lieber um Euromillionen spielen…

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Mehr noch beunruhigte mich jedoch die Tatsache, dass ihm im Dunstkreis der globalen Finanzkrise, die ihm vom Radio­hören ein Begriff war, der vermeintlich dauerblanke Papi echt Sorgen bereitete. «Ich frage Petra morgen, ob ich bei ihr im Café arbeiten darf.» Ich war überrascht und fragte: «Warum?» Da meinte er: «Ich brauche doch ein neues Velo.» – «Stimmt», sagte ich, «aber das musst du nicht selber bezahlen. Da gebe ich schon was dran.» – «Aber du hast doch nie Geld», gab er naseweis zurück. «Doch, doch!» Auf der Bank liege schon noch der eine oder andere Batzen. «Wie viel denn?», fragte er. «Genug.» – «Wie viel?» – «Fürs Velo reichts.» – «So viel?» – «Sogar noch mehr: plus tausend Sack saure Nudeln.» – «Wow!»

Letzteres beruhigte ihn nachhaltig. So nachhaltig, dass er sich nun offensichtlich nicht mehr genötigt fühlt, seinen alten Papa zu unterstützen. Als ich gestern zwei Franken brauchte, war sein Kässeli plötzlich verschwunden. Ich habs dann trotzdem noch gefunden – aber nicht verraten…

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