Wir haben im Haus eine Bar. Das ist toll, weil einem die Hunde­leine «Babyphone» gerade genug Auslauf gewährt, um dort – wenns mal wieder streng und der Tag lang war – ein Bier zu trinken. Oder man eilt nur runter, dafür braucht unsereiner nicht mal das Schuhwerk zu wechseln, und holt sich das Bier vor den Fernseher. So geschehen am letzten Samstag.

Da stehe ich also in Trainingsanzug und Finken an der Theke und bestelle «zwei über d Gass». Und wie ich darauf warte, erblicke ich in der Ecke diesen Tisch und darum herum alles Bekannte in bierseliger Stimmung. Ich ziehe reflexartig den Kopf ein und versuche der Bardame dezent Beine zu machen, indem ich die 10-Franken-Note über den Tresen strecke und zügig wedle. Aber alle Bemühungen, unentdeckt und rasch wieder zu verschwinden, sind erfolglos. Und so bleibt mir nichts anderes übrig, als mich überrascht und erfreut zu geben, als mich der erste Blick aus der Ecke trifft. Ich schlurfe hin. Gleich die erste Frage ist die befürchtete: «Hey, Sven. Trinkst eins mit?» Ja, bestimmt, so sehe ich aus, denke ich. Sage aber: «Sorry. Bin nur hier, um für mich und meine Frau ein Bier zu holen.» – «Was macht ihr denn?» – «Ach, nichts Spektakuläres. Wir schauen ‹Wetten, dass…?›.»

Ich wäre glücklicher gewesen, sie hätten sich darob auf die Schenkel geklopft und mich ausgelacht. Doch stattdessen meinen sie «Hm!» und «Aha!» – strafen mich ansonsten aber mit bedeutungsschwangerem Schweigen. Sie sparen sich die Kommentare offensichtlich für später auf. «Okay dann», sage ich und verabschiede mich. Im Weggehen höre ich: «Okay, viel Spass… Super-Daddy!» Ich drehe mich nochmals um und lächle gequält.

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«Super-Daddy», wie ich diese Bezeichnung hasse. Es steckt etwas Hämisches ­darin. Wie beim Ausdruck «Gutmensch». Als wäre das eine wie das andere etwas, wofür man sich insgeheim zu schämen bräuchte. Was natürlich Schwachsinn ist; ein guter Vater oder ein guter Mensch zu sein ist ja nicht prinzipiell verwerflich. Störend bis beleidigend wirkt der Titel «Super-Daddy» jedoch vor allem, weil er suggeriert, man habe sich selber auf einen Sockel gestellt und blicke nun von oben auf die anderen herab. Dabei würde ich mich hüten, mich selbst je als «Super-­Daddy» zu bezeichnen. Weiss ja nicht einmal, was da alles dazugehörte. Dieses Urteil überlasse ich deshalb, wenn überhaupt, gerne meinen Kindern. Und das Wort «super» muss dann nicht einmal ­fallen. Ich wäre schon froh, wenn sie mir dereinst beim Reichen der Schnabeltasse auf die alten Knochen klopfen und rückblickend meinen: «Doch, doch, hasts gut gemacht.»

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Nun, vielleicht habe ich mir die Aura eines arroganten Überpapis selbst zuzuschreiben, weil ich ein Buch geschrieben habe über das Vatersein. Und weil ich an dieser Stelle seit nunmehr bald vier Jahren öffentlich die familiäre Hose herunterlasse. Doch dann möchte ich festhalten: Ich habe es nicht getan, um zu prahlen, sondern primär, um zu zeigen, dass wir darunter nicht anders aussehen als andere Familien. Gleichwohl ist es Zeit, die Hose wieder hochzuziehen und festzuschnallen. Mein Sohn hat lesen gelernt. Und seinen Vater in der Öffentlichkeit «füdliblutt» zu sehen, will ich ihm nicht zumuten. Deshalb sind dies hier die letzten «Vaterfreuden». Vielen Dank, dass Sie so lange die Treue gehalten haben. Alles Gute. Und denken Sie daran: Happy wife, happy life. Und: Entscheidend ist, dass Papi trotzdem lacht.

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