Muss ich aber nicht. Schliesslich hat es die Natur so nett eingerichtet, dass man sich selber nicht zu Gesicht kriegt, wenn man nicht möchte, egal, wie sehr man die Augen verdreht. Und es ist ja auch wirklich faszinierend, was für ein Trugbild man von sich selber kreieren kann, wenn man den Blick nur immer nach vorne richtet und die Welt wahrnimmt wie ein Kameramann.

Zweifelsfrei haben gerade Männer ein Talent dafür, ihr Wesen losgelöst von den realen Gegebenheiten zu sehen. Kraft der Imagination pfeifen sie ungeduscht mit Bierwampe auf Mikadobeinen lasziv den heissesten Bräuten hinterher, und verdrehen die dann die Augen, rufen sie: «Arrogante Weiber!» Für Frauen mag so viel maskuline Selbsttäuschung absurd und nervig sein. Mann jedoch fühlt sich gut wie Superman.

Wieso auch sollte ich mich vor einen Spiegel stellen und mich bewusst mit meinem Äusseren beschäftigen? Nur um mir bewusst zu werden, dass ich ein Problem mit meiner Frisur habe? Nein, das lass ich lieber der anderen Sorge sein.

Zudem muss man einfach mal kon­statieren, dass sich gerade die Beschäf­tigung mit der eigenen Frisur selten vorteilhaft auf das Ergebnis auswirkt; mittlerweile führen ja Frauen – und leider auch immer mehr «Männer» – die krassesten Gebilde spazieren, mit abstrakt geometrischen Schnitten und Farbspielereien, für die man unsereiner noch zur krassesten Punkzeit geohrfeigt hätte.

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Und das Absurdeste: Die grössten Punks sind nicht mehr die revoltierenden Jugendlichen von gestern, sondern die biederen Mittfünfziger von heute. Und: Je tiefer die Provinz, desto irrwitziger werden die Frisuren.

Richtig fies wird es, wenn diese Leute in ihrem kreativen Wahn auch noch die eigenen Kinder verunstalten. Es gibt tatsächlich Erstklässler mit blond gefärbtem Irokesen! Für Haargel müsste es eine ­Altersgrenze geben wie für Alcopops.