Im Fernsehen läuft die Fussballweltmeisterschaft 2038. Schweiz gegen Italien. Neun hochgezüchtete Männer mit Tyrannosaurierbeinen und verkümmerten Armen rennen dem Ball nach. Im Tor stehen zwei Männer mit Händen wie Bratpfannen. Im Vergleich zu den umjubelten und überbezahlten Cyborgs im TV wirkt Fin wie eine fallen­ ­gelassene Pellkartoffel. «Tja», seufzt er aus tiefstem Herzen und aus den Tiefen des durchgesessenen Sofas. Er hat seinem Vater bis heute nicht verziehen.

Blenden wir 28 Jahre zurück. Der Quartierverein hat zum Probetraining geladen. Fin darf auch. Endlich. Zwei Jahre lang hat er seinen Eltern in den Ohren gelegen, er wolle endlich in den «Tschuttiklub». Nun sollte es endlich so weit sein. Die ­letzten Tage war er nervös, liess sich nicht mehr vom Ball trennen. Rollte das Leder ins Bad, kam Fin zum Zähneputzen. Rollte das Leder in die Küche, gabs Essen. Ruhte der Ball, war Fin eingeschlafen.

«14 Uhr, Fussballplatz Steinkluppe», hatte Vater gesagt. «Bist du sicher?», hatte Mami nachgefragt, wie immer misstrauisch, wenn Papi für die Terminplanung ­zuständig ist. «Ja-a! 14 Uhr. Ganz sicher.»

Es muss die Kraft der Autosuggestion gewesen sein, aus der er diese Gewissheit gewonnen hatte. Die Realität war eine andere. Um 14 Uhr stand Fin in Vollmontur auf dem Rasen – allein. «Papi?!», meinte er in einer traurigen Mischung aus Frage und Antwort. «Probetraining: 9.45 Uhr», stand bei der Umkleidekabine. Kaum hörbar entwischte dem Vater ein «Oh, shit!».

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Nachtrag I: Dank der Macht der Gewohnheit hatte an jenem Morgen nicht nur Mami Vaters Terminplanung misstraut, sondern auch der Vater sich selbst. Um 9.15 Uhr checkte er nochmals die Mail – und stellte beunruhigt fest: «Ups!»

Nachtrag II: Fin kam knapp, aber pünktlich zum Probetraining – und wurde aufgenommen.

Nachtrag III: Dank sei Gott im Himmel