Ein verantwortungsvoller Familienvater mit dem Bizeps eines Grasfroschs betätigt um diese Zeit natürlich nicht einfach den Türöffner. Also stieg ich missmutig die vier Stockwerke hinunter, um mich persönlich um den nächtlichen Störenfried zu kümmern. Als ich die Eingangstür öffnete, standen vor mir: eine Hexe, ein Knochengerüst und ein Monster, das auf dicke Hose machte, aber aussah wie ein Gartenzwerg. «Süsses oder Saures», schrie der Wicht und hielt mir die offene Hand entgegen. «Hmm», meinte ich – und realisierte: Das ist also Halloween.

Den Kaugummi in meinem Mund konnte ich den dreien schlecht anbieten, zumal er längst keinen Geschmack mehr hatte. Ich trottete also zurück, hoch in die Wohnung, und fragte meine Frau: «Du, heute ist offenbar Halloween. Haben wir etwas Süsses oder Saures im Haus?» Meine Frau lachte und klärte mich auf, dass die nichts Saures wollen, sondern dass die mir Saures geben, wenn ich ihnen nicht etwas Süsses bringe. «Ach so.» Ich stieg die Treppen wieder hinunter und sagte zu den Gestalten vor der Tür – aus rein kulturellem Interesse: «Saures!» Ich war einfach zu gespannt, was nun passieren würde.

Ehe ich mich versah, zückte der Zwerg eine Wasserpistole und spritzte mir etwas Klebriges ins Gesicht. Dann verschwand die Bande unter kreischendem Gelächter in der Dunkelheit. Ich hatte mir etwas Kreativeres erhofft und kehrte zurück auf mein Sofa. Eine Stunde später schrillte die Klingel dann ein nächstes Mal, und nicht nur unsere – und sie hätte wohl bis zum Morgen weitergeklingelt, hätte ich sie nicht irgendwann auf stumm gestellt; die kleinen Mistkäfer waren nämlich zurückgekehrt und spritzten das klebrige Zeug auch noch in die Sonnerie. Na ja, ich war ja selber schuld.

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Das war im vergangenen Jahr.

Heuer war ich besser gewappnet und hatte mich mit genügend besänftigenden Zückerchen eingedeckt. Nicht, weil mir der Brauch viel bedeuten würde. Noch immer denke ich bei Halloween spontan an Prater und Wiener Schnitzel. Doch mein Sohn ist in einem Alter angekommen, in dem die Peergroup ihren Einfluss geltend macht – und unter den Jungs im Quartier wird der «Event» heutzutage eben richtig herbeigesehnt. Da können die Erwachsenen noch so lange über den «angloamerikanischen Importfeiertag zwecks Profitmaximierung» schimpfen. Seien wir ehrlich: Um was mehr gehts bei Weihnachten und Ostern noch als um Geschenke und Schokolade? Da ist Halloween wenigstens ehrlich: «Süsses oder Saures.»