Kaum zu glauben, dass es die noch gibt, aber es gibt sie noch: die Freundschaftsbücher. Mein Sohn hat vom letzten Fussballtraining eines mitgebracht. Weil er nicht genau wusste, was er damit anfangen sollte, habe ich ihm die Sache erklärt; von wegen Hobbys, Berufswunsch, grösster Traum et cetera.

Minimalistisch, wie er in derlei Angelegenheiten ist, beantwortete er sämtliche Fragen mit einem, maximal zwei Worten. Ich liess ihn machen, schliesslich soll so ein Freundschaftsbuch authentisch rüberkommen. Sagt ja auch was aus über die Rolle des Kindes und das Verhältnis zu ­seinen Eltern, wenn da zum Beispiel bei der Frage «Was ich Dir wünsche» steht: «Ein glückliches Leben und Gottes Segen.»

Mein Sohn schrieb dort – vielleicht auf den ersten Blick etwas gar simpel: «Vile Dore.» Sagt auch was über das Kind aus. Aber man kann die Worte ja philosophisch sehen: Jemandem viele Tore zu wün­schen, zumal einem Fussballkollegen – wenn er nicht gerade Goalie ist –, heisst letztlich auch: Ich wünsche dir viele glückliche Momente. Das ist doch schön, oder?

Nicht ganz so glücklich bin ich über den Eintrag bei der Frage «Was ich am meisten hasse». Da steht nämlich – nennen wir sie: Lena. Punkt. Lena geht mit meinem Sohn in die Schule. Und als Anführerin der Mädchenclique ist Lena quasi der personifizierte Rosenkohl, das Mensch gewordene Foulspiel, das Sinnbild für doof. Mein Sohn, und nach Aussage seiner etwas beunruhigten Lehrerin trifft dies auch auf alle anderen Jungs in seiner Klasse zu, kann mit Mädchen momentan so ziemlich gar nichts anfangen. Na ja, nicht ganz. ­Etwas schon: piesacken.

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Letzthin fragte er mich, ob er sein Sackmesser haben dürfe. Weil dem Erziehungs­verantwortlichen bei «Sackmesser» die Alarmglocken läuten, fragte ich nach, was er vorhabe. Er griff sich in die Hosentasche und pulte einen ganzen Haufen Hagebutten heraus. Mir dämmerte: Juckpulver! Nach einigem Herumdrucksen gab er zu, dass er es auf die fiesen Nüsschen mit den noch fieseren, widerhaken­bestückten Härchen der Hagebutten abgesehen hatte. Also in letzter Konsequenz auf Lena und ihre Mädchenbande.

Hm. Wieder klingelten die Alarm­glocken. Doch diesmal fehlte mir der erziehungspolitische Fluchtweg. Was sagt man da: «Vergiss es?» «Okay, aber nur eine Frucht?» Oder: «Ich würde nicht, weil: Frauen vergessen nie?» Ich entschied mich für: «Schneid dir nicht in die Finger!»

Nach dem Hagebuttengemetzel auf dem Balkon hat es Sohn übrigens zwei T­age lang höllisch gejuckt. Einfach zu ­seiner Verteidigung – und meiner.

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