«Oh, schau! Fin hat wieder die Schnürsenkel offen. F-i-i-n!» – «He, F-i-i-n! Du solltest mal was trinken.» – «Oh, F-i-i-n! Pass auf! Aua! Warum muss dieser lange Lulatsch auch so draufhauen? Ist der nicht sowieso schon viel zu alt? F-i-i-n, tuts fest weh?»… Nein, meine Frau gehört beim Fussball definitiv nicht an die Seitenlinie. Ihr fehlt dafür schlicht der Sinn fürs Wesentliche. Da bekommt mein Sohn seine erste quasi offizielle Fussballlektion mit allem, was dazugehört – Trainer, Slalomstangen, Stulpen, Gegner –, was aus meiner väterlichen Optik mindestens so geschichtsträchtig ist wie das erste Wort oder der letzte Milchzahn. Und sie beschäftigt sich mit Nebensächlichkeiten wie offenen Schnürsenkeln, denkt an Dehydration statt an Fins Abseitsposition – und muss das auch noch die ganze Welt wissen lassen. Ihn. Vor allem. Und seine Mitspieler.

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Klar, Kinder können fies sein. Direkt. «Fin, du muesch räne, nöd i de Nase bore.» So etwas schockt meine Frau: «Hast du das gehört? De fräch Goof!» Dabei hat der «andere Lulatsch» völlig recht. Nein. Beim Fussball kann man überall herumstochern, aber nicht in verkrusteten Nasenhöhlen. «Fussball ist kein Kindergeburtstag», sage ich. Ist natürlich Quatsch. Jeder, der schon einmal an einem Kindergeburtstag war, weiss, dass auch ein Kindergeburtstag kein Ministrantenausflug ist. «Ach, fehlt nur noch die alte Leier von wegen was ihn nicht umbringt, macht ihn stärker.» Ich sage nichts darauf. Stattdessen denke ich: Sie gehört definitiv nicht an die Seitenlinie.

Am Abend schauen wir «Grey’s Anatomy» im TV. Eine Ärzteserie; kaum blutiger als «Die Schwarzwaldklinik», aber mindestens so gefühlsduselig. Eine Hauptdarstellerin hat gerade die Diagnose Krebs erhalten. Ich heule wie ein Schlosshund. Echte Tränen. Ist nichts Aussergewöhnliches. Das schaffte schon Tom Cruise in «Top Gun». Meine Frau weint nicht. Wieder mal nicht.