Ich kann mich nicht erinnern, je in einem Spielzeugladen meine Adresse hinterlassen zu haben. Oder je um eine dieser klebrigen Fibeln für meine kleinen Kapitalismusanfänger zu Hause gebeten zu haben. Und doch flattern sie pünktlich zur Vorweihnachtszeit aus allen Ecken des Landes zielgenau in unseren Briefkasten, um im trauten Heim neben Anis, Apfel und Zimt den süssen Duft des Wünsch-dir-was zu verbreiten. Ist Shopping Opium fürs Volk, dann muss der Spielzeugkatalog die Einstiegsdroge sein. Man kann sie verwünschen, die fiesen Wunschgeneratoren, kann sie aber auch durchkämmen – und dabei lernen. Viel über Kinder und wie sie die Welt sehen. Noch viel mehr jedoch über uns Erwachsene und wie wir die Welt der Kinder sehen.

Da gibt es zum Beispiel diese Puppen. Früher hiessen die ja noch «Daisy», konnten bestenfalls pinkeln und schlossen die Augen, wenn man sie schlafen legte. Heute heisst Daisy «Mein liebstes Baby» und «kann sooo viel»: Die Puppe erkennt mittels feinfühliger Sensoren, wenn man sie an der Hand hält, und lernt, erste Schritte zu gehen. Am Bauch gekitzelt, kichert sie, erkennt ihren Schnuller und ihr Fläschchen und sagt, dass sie müde ist und ins Bettchen gebracht werden will. Wie abgefahren ist das denn? Wenn ich mir vorstelle, wie meine Tochter nur schon ratlos vor den Boxen unserer Stereoanlage sitzt und verzweifelt nach der Band im Innern sucht, kann ich mir ausmalen, was das in einer Zweijährigen auslöst, wenn sie ein solches Baby ihr liebstes nennt. «Mein liebstes Baby» schaffte es bis in den Final des Swiss Toy Award 2009 in der Kategorie «Little Girls». Das will mal was heissen.

Und dann all das Lernspielzeug, wie das interaktive Videotelefon «New Colors» zum Beispiel. Es spricht Deutsch und Englisch, ist inklusive Batterien schon für 75 Franken zu haben und ist empfohlen für Kinder ab 18 Monaten. Für Fortgeschrittene gibts den «Genius Lern Laptop», einen «Supercomputer» mit 50 Lernspielen zu Deutsch, Mathe, Tieren, Musik – und «jetzt auch in Pink!» – und natürlich «von Pädagogen entwickelt». Vielleicht wächst das Gras eben doch schneller, wenn man daran zieht.

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Aufschlussreich ist auch die Kategorie «Rollenspiele». Auf zehn Katalogseiten gibts da – Sie haben es erraten: für den Buben Drachen, Bagger, Wikingerschiffe und ein angeblich «RC-fähiges» Feuerwehr-Leiterfahrzeug mit «Blinklicht und viel Zubehör». Und für das Mädchen von heute neben der Küchenkombination das Bügeleisen Electrolux und den Staubsauger Miele mit «wirklicher Saugfunktion».

Für meinen Sohn habe ich jedoch was ganz Spezielles ausgewählt: «Mein erster Experimentierkoffer» zum Thema «Mein Körper». Ich musste das Ding einfach haben, nur um zu sehen, was es da so drin hat.