Beobachter: Zärtlichkeiten mit Kindern, auch mit den eigenen, sind für Väter stark tabubehaftet. Erstaunt Sie das?
Marcelle Bun: Gar nicht. Die Pflege von Kindern war jahrhundertelang Sache der Frau. Für Männer ist der Körperkontakt mit ihren Kindern etwas Neues. Die heutige Vätergeneration ist daran, das zu lernen. Da ist es ganz natürlich, dass sie verunsichert sind.

Beobachter: Spielt da auch die angeheizte Missbrauchsdebatte mit?
Bun: Sie fördert die Verunsicherung weiter. Viele Väter fühlen sich unter Beobachtung, sie fragen sich laufend: Was ist jetzt erlaubt? Und was nicht? Es geht darum, die individuelle Grenze zu finden - die ist ja nicht rot markiert.

Beobachter: Was beschäftigt die Väter?
Bun: Ich hatte mal mit einem Mann zu tun, der mit seiner einjährigen Tochter nur in Badehosen gebadet hat. Das ist typisch für die momentane Verunsicherung. Dahinter steht das Bedürfnis nach einem Regelwerk: Darf ich mit meinem Kind nackt in die Badewanne? Wenn ja: bis zu welchem Alter des Kindes - bis zwei Jahre, bis dreieinhalb? Aber so eindeutige Antworten gibts auf solche Fragen nicht.

Beobachter: Gibt es immerhin einen Grundsatz?
Bun: Es gibt zweierlei Grenzen, die das Handeln der Väter bestimmen: die eigenen und die des Kindes. Ein Vater muss entscheiden, ob es für ihn selber okay ist, körperliche Nähe zuzulassen. Das ist beim Kind genau gleich. Ein Kind gibt klare Zeichen, ob es etwas will oder nicht. Diese Grenzziehung muss ein Vater respektieren, ansonsten begeht er einen Missbrauch.

Beobachter: Dürfen Väter ihren Kindern gegenüber erotische Gefühle haben?
Bun: Durchaus. Doch ein Vater muss sich bewusst werden, wenn seine Empfindungen erotischer Natur sind. Wenn er mit der fünfjährigen Tochter badet und regelmässig eine Erektion bekommt, muss er Distanz schaffen.

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