Manchmal hatte meine Schwester zwar vor Müdigkeit dunkle Ringe unter den Augen, aber sie managte ihre Aufgabe gut.» Vor 17 Jahren erfuhr Sibylle Hegnauer dann, dass sie mit Zwillingen schwanger war - wie ihre Schwester einige Zeit zuvor auch. Die stand ihr nun mit Beratung zur Seite: Wie man zwei hungrige Kinder gleichzeitig stillt oder zwei weinende Kinder beruhigt. Und: «Trenne sie strikt. Zieh sie unterschiedlich an. Sorg dafür, dass sie in verschiedene Klassen kommen.» Sonst hätten Zwillinge Mühe, eine eigene Identität zu entwickeln.

Im Jahr 2006 wurden in der Schweiz 73'371 Kinder geboren, darunter 1167 Zwillingspaare, 26-mal Drillinge und einmal Vierlinge. Zwar ist die Geburtenrate eineiiger Zwillinge seit langem weltweit konstant, in den reichen Ländern aber nehmen die zweieiigen Mehrlingsgeburten zu. Grund: das steigende Lebensalter der Gebärenden und die zunehmende Zahl von Fruchtbarkeitsbehandlungen. So sieht man auch in der Schweiz immer mehr Kinder im Zwillingswagen. Der Anblick verursacht Entzücken, Staunen oder auch Mitleid mit der Mutter, weil man sich ihren Alltag äusserst anstrengend vorstellt. Sibylle Hegnauer fand die dauernde Aufmerksamkeit mühsam. «Ich hatte das Gefühl, dass ich mich auf einer Bühne bewege. Dabei bin ich doch eine ganz normale Mutter mit ganz normalen Kindern. Nur dass diese gleich alt sind.»

Die Ratschläge der Schwester halfen ihr, den Alltag mit den Babys Tanja und Corina möglichst praktisch zu gestalten. So stillte sie abwechselnd ein Kind an der Brust, während sie dem anderen das Fläschchen gab. «Ich hörte einfach auf meinen Bauch», erzählt die heute vierfache Mutter. Als die Mädchen klein waren, zog sie sie manchmal gleich an. «Ab dem Kindergarten bestimmten sie sowieso selber. Manchmal wollten sie eben das Gleiche anziehen - da sah ich nicht ein, warum ich das verbieten sollte.»

Die Frage, ob die Kinder getrennt in den Kindergarten und in die Schule sollen, stellte sich in dem kleinen Dorf damals nicht: Es gab pro Jahrgang nur eine Klasse. Den Tipp, öfter mal was allein mit einem Kind zu machen, hätte sie gerne befolgt. Aber: «Auch das war selten möglich. Mein damaliger Mann arbeitete Vollzeit. Wenn er zu Hause war, genossen wir es, als ganze Familie zusammen zu sein.»

Zudem hat Corina Diabetes. Die Mutter vertraute sie darum nicht gern einem Babysitter an. «Und ich konnte ja nicht immer nur Tanja weggeben.» Ihr Fazit: «Die guten Vorsätze, die Kinder möglichst eigenständig zu behandeln, scheitern häufig an ganz praktischen Dingen.» Wenn sie ihre Töchter anschaue, finde sie jedoch, sie habe ihren Job gut gemacht.

«Eltern von Zwillingen oder Mehrlingen haben vor allem mehr Arbeit und nicht unbedingt andere», sagt Kurt von Siebenthal, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Co-Autor des Buchs «Mehrlinge - und plötzlich ist alles anders». In den ersten Monaten stellt sich erst mal die Frage, wie man den neuen Alltag überhaupt bewältigt. Mehrlinge sind oft Frühgeborene, die Eltern müssen viel Zeit für sie aufwenden. Separationsbemühungen sind in dieser Zeit nicht so wichtig: «Im ersten Jahr spielt es keine Rolle, wenn Kinder die gleichen Kleider tragen. Die Entwicklung der Persönlichkeit beginnt erst später», so von Siebenthal.

Die Kinder nicht ständig vergleichen
Er habe allerdings Mühe, wenn er in seiner Praxis Sechsjährige fragen müsse, ob sie nun Peter oder Paul seien, weil die Mutter sie immer noch gleich anziehe. «Wenn Kinder dauernd verwechselt werden, ist das für die Entwicklung sicher nicht förderlich.» Mehrlinge sollten möglichst bald verschiedene Kleider, Frisuren, Spielsachen und Geschirr haben und später auch die Möglichkeit, mit unterschiedlichen Bezugspersonen eine Beziehung aufzubauen. Zudem sollen unterschiedliche Talente gefördert werden und ständige Vergleiche, vor allem in Anwesenheit der Kinder, verhindert werden.

Ob Kinder getrennt den Kindergarten und die Schule besuchen sollen oder nicht - an dieser Frage scheiden sich die Geister. Eine Studie der Technischen Universität Braunschweig aus dem Jahr 2007 hält fest, dass die Trennung von Zwillingen keinen bedeutsamen Einfluss auf die Identitätsentwicklung hat. Insgesamt herrscht in Fachkreisen die Meinung, dass eine Trennung dann am besten ist, wenn ein Kind dem anderen überlegen ist. Solange eines aber nicht total im Schatten des anderen steht, kann der gemeinsame Auftritt auch stärkend sein.

Wichtig in der Erziehung von Mehrlingen sind klare Regeln. Dies gilt auch sonst, hier ist es jedoch umso wichtiger, dass sich die Betreuenden strikt daran halten. «Zwillinge, vor allem eineiige, genügen sich selber. Sie sind weniger abhängig von einer Reaktion von aussen und können sich sogar gegen einen Elternteil oder später die Lehrperson verbünden.» Durchgreifen sei da nicht immer einfach, so Siebenthal. Ihm ist jedoch bewusst, dass kaum eine Mutter oder ein Vater sich lehrbuchmässig verhält. «Das ist gut so. Viele Eltern geben ihr Bestes. Und das reicht auch in der Regel.»

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