Seit zweieinhalb Stunden steht Monika M. in der Küche und bereitet für die Familie ein Vier-Gang-Abendessen zu. Als sie Sohn Patrick bittet, den Tisch zu decken, mault dieser rum und meldet sich mit den Worten ab: «Ich habe sowieso keinen Hunger.» Tochter Lea deckt zwar den Tisch, lässt aber die Mutter wissen: «Ich will heute kein Fleisch essen. Und Bohnen mag ich ohnehin nicht.» Gatte Hugo kommt eine halbe Stunde verspätet nach Hause, setzt sich sofort vor den Fernseher und verweigert jegliche Konversation. Zu schlechter Letzt ruft die Nachbarin an und beklagt sich über die Katze, die ihr Geschäft mitten im frisch hergerichteten Pflanzbeet erledigt hat.

Innert kürzester Zeit ist das liebliche Reihenhaus von Familie M. zur emotionalen Abfalldeponie geworden. Das Essen brennt in den Pfannen an. Der Frust von Monika M. entlädt sich in einem Fluch.

Oft leidet das Wohnklima weit mehr unter Befindlichkeitsstörungen als unter chemischen oder biologischen Schadstoffen. Die Ursachen dafür sind vielfältig:

Die Individualisierung der Gesellschaft lässt den Willen und die Fähigkeit, Konflikte offen auszutragen, zusehends verkümmern. Handy und Internet ersetzen häufig die persönliche Begegnung. Als Folge davon sind viele Leute schlecht aufs Zusammenleben vorbereitet.


Die Zahl der Kleinfamilien mit einem oder zwei Kindern nimmt laufend zu. Wenn aber Geschwister fehlen, besteht keine Möglichkeit, sich buchstäblich zusammenzuraufen. Man lernt kaum mehr, Kompromisse zu schliessen, aufeinander Rücksicht zu nehmen und zu teilen.


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Ein Grossteil der Kinder und auch viele Eltern haben heute ein eigenes Zimmer, in das sie sich zurückziehen und wo sie die Privatsphäre pflegen können. Durch dieses Abschotten aber weicht man in aller Regel auch Konflikten aus.


Das gemeinsame Essen am Familientisch wird je länger, desto mehr zur Ausnahme eine weitere hilfreiche Gelegenheit für den gemeinsamen Austausch bleibt ungenutzt.

So vielfältig wie die Ursachen sind auch die möglichen Lösungen, um das Wohnklima zu entgiften. Oder, besser noch, um einer Vergiftung vorzubeugen:

Familien- oder Wohnkonferenz:

Wenn in der Familie oder in einer kinderlosen Partnerschaft ein Problem auftaucht, das sich regelmässig wiederholt, sollte man sich zu einer Familien- oder Wohnkonferenz treffen. Dabei kann wie folgt vorgegangen werden:

Termin festlegen: Wann passt es allen (!) Mitbewohnenden, um über das Problem zu diskutieren?

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Traktandenliste: Welche Themen sollen besprochen werden?

Protokoll: die wichtigsten Ergebnisse festhalten.

Gleichberechtigung: Jeder und jede auch Kinder und Jugendliche sollen ihre Meinung sagen dürfen.

Weiteres Vorgehen: Wer erledigt was bis wann?

Es kann hilfreich sein, alle Entscheidungen schriftlich festzuhalten und alle Beteiligten unterschreiben zu lassen. Selbstverständlich können solche Konferenzen auch stattfinden, zum Beispiel einmal pro Monat, ohne dass ein akutes Problem vorliegt. Dann dienen sie dazu, das Wohnklima zu optimieren und Störungen vorzubeugen.

Wohngrenzen:

Jeder Mitbewohner auch Kinder und Jugendliche erhält einen Wohnbereich zugeteilt, den er nach eigenem Gutdünken gestalten und nutzen kann. Denkbar ist auch, dass niemand anders diesen Bereich ohne Erlaubnis betreten darf. Dies kann besonders für Jugendliche wichtig sein, da sie auf diese Weise sowohl Eigenverantwortung wie auch den eigenen Lebensstil entwickeln können. Umgekehrt haben sie auch einige Regeln zu berücksichtigen, zum Beispiel bezüglich Lärm.

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Smileys:

Um die eigene Gemütsstimmung spielerisch mitzuteilen, bekommt jedes Familienmitglied vier Smileys in seiner Lieblingsfarbe. Jeden Tag heftet man jenes Smiley an die Pinnwand bei der Haustür, das die momentane Befindlichkeit am besten ausdrückt (zum Beispiel «happy», «es geht», «böse», «traurig»). Dies kann auch mehrmals am Tag geändert werden. Auf diese Weise lässt sich die Wahrnehmung der Mitbewohner fördern: Habe ich die Stimmung der andern Person richtig eingeschätzt? Soll ich sie darauf ansprechen? Fragen, weshalb sie sich freut, weshalb sie traurig oder wütend ist?

Kummerzettel:

Die Pinnwand im Korridor lässt sich auch nutzen, um Probleme zu deklarieren, Vorschläge für eine Aussprache oder für Lösungen zu machen. Die Kummerzettel können an einer Wohnkonferenz besprochen werden.

Unterstützung durch Mitmenschen:

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Überlegen Sie sich, wer zu Ihrem sozialen Netzwerk zählt und wen Sie gegebenenfalls um Unterstützung bitten können. Diese Hilfe kann sowohl emotional sein (zuhören, Rat geben) als auch ganz praktisch (Kinder hüten, Haushalthilfe) oder sogar materiell (Darlehen, Gemüse aus dem Garten). Ein Netzwerk funktioniert allerdings nur, wenn das Geben und das Nehmen im Gleichgewicht sind: Wer seine Freunde ausnutzt, wird bald allein dastehen.

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