Die Grosskonzerne werden immer grösser, kleinräumige Strukturen fallen der Globalisierung zum Opfer. Eine grosse Zahl von Grossmanagern hat versagt – und lässt sich den Abgang mit astronomischen Summen versüssen. Wie konnte es so weit kommen? Wie soll es weitergehen? Einzelne Schuldige gibt es kaum; die allgemeine Verunsicherung ist gross. Werden wir alle Opfer eines unkontrollierbaren Systems – und des grenzenlosen Wachstums?

Im Beobachter-Streitgespräch outet sich Toni Bortoluzzi, SVP-Nationalrat und Sprengkandidat für die Dreifuss-Nachfolge, als Verfechter des freien Wettbewerbs. Einen andern Standpunkt nimmt Beobachter-Psychologe Koni Rohner ein. Das Konkurrenzdenken mache die Menschen feindselig, glaubt er; es zerstöre die Solidarität.

Beobachter: Die Welt verändert sich in rasendem Tempo. Muss immer der Stärkere gewinnen?
Koni Rohner: Vielleicht bin ich ein Fantast, aber ich bin der Meinung, man kann die Welt so organisieren, dass jeder das tun kann, was er gerne macht.
Toni Bortoluzzi: Der Freiraum ist heute in dieser sozialistisch orientierten Gesellschaft halt sehr eingeschränkt. Das ist meines Erachtens das grösste Problem. Der Wettbewerb ist für mich etwas völlig Natürliches, wenn wir ihn richtig handhaben. Und die Toleranz nicht vergessen geht.

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Rohner: Unser Föderalismus funktioniert sehr solidarisch. Die Schweiz besteht aus kleinen Einheiten, die einander respektieren. Aber genau dieser Föderalismus ist am Verschwinden. Der Globalisierungsprozess gefährdet die kleinen Strukturen weltweit. Und was bringt die Grossen zum Triumphieren? Der Wettbewerb! Am Schluss gibt es noch ein paar wenige Monsterfirmen. Für die Kleinen bleibt nur die Anpassung.
Bortoluzzi: Mit Wettbewerb haben diese Probleme doch nur am Rand zu tun. Es geht hier um die Industrialisierung in einer immer kleiner werdenden Welt. Ein industriell hergestelltes Produkt kann heute schnell in grosser Menge überallhin vertrieben werden.

Rohner: Aber wenn es nur noch Hamburger gibt, ist das doch ein Verlust an Freiheit! Da gehen ja zahllose Beizen zugrunde. Früher gab es Räbeliechtli-Umzüge, heute herrscht der Kommerz mit Halloween. Der Wettbewerb hat uns voll im Griff. Wir fangen an, uns kaputtzumachen. Wissen Sie, als am Haus meines Grossvaters zwei Ziegel fehlten, liess er den Dachdecker kommen, und der setzte ihm die zwei Ziegel wieder aufs Dach. Wenn ich heute dem Fachmann anrufe und zwei fehlende Ziegel vermelde, deckt er mir das ganze Haus neu.
Bortoluzzi
: So etwas ist nicht korrekt. In meiner Schreinerei funktioniert das aber noch genau wie bei Ihrem Grossvater: Die Kunden geben mir einen Auftrag, und ich realisiere ihn nach ihren Wünschen.
Rohner
: Da wären Sie aber einer der Letzten, die das so machen. Überall geht es doch darum, besser, reicher, schneller zu sein. Im Sport machen wir ein Riesentheater um Tausendstelsekunden. Ein Ausserirdischer könnte nur den Kopf schütteln.

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Beobachter: Was fehlt denn der heutigen Gesellschaft?
Bortoluzzi
: Wir haben heute eindeutig weniger starke Persönlichkeiten als früher, weil der Staat dem Individuum viel zu viel abnimmt. Mir fehlt eine verstärkte Eigenverantwortung. Durch deren Abbau wird die einzelne Person oberflächlicher. Ein Mensch, der die Verantwortung für das, was er tut, nicht übernehmen muss, wird auch Mühe haben, solidarisch und tolerant zu sein.
Rohner
: Ich habe auch das Gefühl, dass die Leute einander ähnlicher werden. Aber ich denke nicht, dass der Sozialismus daran schuld ist. Eher die Werbung, die uns vormacht, wie Erfolgreiche zu sein haben.

Beobachter: Das Wettbewerbsprinzip geht zurück auf eine 250 Jahre alte Volkswirtschaftslehre. Grundidee: Wenn jeder für sich selber schaut, geht es allen am besten. Viele erklären daraus die enormen Ungleichheiten auf der Welt. Andere behaupten sogar, hier liege der Urkeim des Terrorismus.
Bortoluzzi
: Die Mobilität und die schnelle Kommunikation haben die Probleme der Ungleichheit massiv verschärft. Es ist eine gewisse Neidsituation entstanden. Und wir haben es verpasst, diesen Völkern zu helfen, sich selbst zu entwickeln. Der Terrorismus hat vielleicht auch damit zu tun. Man wollte mit besten Absichten helfen, aber presste die Leute in ein Schema, in das sie gar nicht wollten. Manchmal scheint mir, das komme heute zurück: Die Aggressivität der militanten Gruppierungen ist wie ein zurückschlagendes Pendel.
Rohner
: Ich hörte von einem Strategieexperten: Nicht Armut führt zu Terrorismus, sondern Demütigung. Ich bin ebenfalls der Meinung, dass eine Helferhaltung eine gewisse Arroganz enthalten kann. Der sozial Denkende glaubt oft zu wissen, was für den andern gut ist – und das bedeutet oft genug, dass man den andern gar nicht ernst nimmt. Langfristig müssten wir mehr Verständnis entwickeln für den Hass der Terroristen. Ich meine nicht, dass wir ihn billigen sollen. Wir müssen uns aber die Frage stellen: Warum hassen uns diese Menschen so? Womit haben wir sie gekränkt? Was können wir – im eigenen Interesse – dagegen tun? Wir sind alle im selben Boot.

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Beobachter: Die Werbewelt will uns glauben machen, dass uns tausend Dinge fehlen, um glücklich zu werden.
Bortoluzzi
: Es liegt in der Natur des Menschen, dass er nie ganz zufrieden sein kann. Das ist der Erhaltungstrieb. Der eigenen Notwendigkeit versichert sich der Mensch mit immer neuen Zielen, die auch sehr banal sein können. Die Dynamik des menschlichen Lebens ist natürlicherweise auf Wettbewerb ausgerichtet.
Rohner
: Sie sehen das Zerstörerische der modernen Wirtschaft nicht. Alle meinen, alles müsse immer weiterwachsen. Sehen Sie: Nur ein Krebsgeschwür wird immer grösser. Mein Grossvater war nie in den Ferien; er pflanzte Blumen an und plauderte mit den Leuten, die sich daran freuten. Es muss nicht immer alles expandieren.

Beobachter: Wachstum ist nur schwer zu steuern. Wie können wir unsere Kinder stärken, auf eine gesunde Art damit umzugehen?
Rohner
: Ein junger Mensch sollte den Mut haben, sich selbst zu sein. Er sollte aber auch ein Interesse am anderen Menschen und Verständnis für ihn entwickeln können. Die Grundfrage lautet doch: «Wie stelle ich es an, so zu sein, wie ich will – ohne dich auf deinem Weg zu behindern?»
Bortoluzzi
: Als Eltern muss man vor allem vorleben. Ich habe meinen Kindern immer gesagt: «Im Wesentlichen könnt ihr alles gleich machen wie Mutter und Vater.» Aber für viele getrennt lebende Familien ist das halt nicht so einfach. Und wenn der Staat diesen Egoismus mit Kinderkrippen noch fördert, sind das keine sehr guten Voraussetzungen. Das beste Beispiel ist Ostdeutschland: Die dortige Jugend ist das Resultat einer völlig verfehlten gesellschaftlichen Entwicklung. Diese Jugendlichen sind heute sehr militant.

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Rohner: Wenn Kinder in den Hort gehen, können sie durchaus Sozialkompetenz erwerben. Ein verwöhntes Einzelkind ist gewiss unsozialer als ein Kind, das im Hort war. Aber mich interessiert noch eine ganz andere Frage. Warum haben wir eine derart hohe Scheidungsrate? Ich habe einen Verdacht: Weil man denkt, die Familie sollte vor dem rauen Konkurrenzkampf «draussen» schützen. Die Menschen stecken heute in eine Partnerschaft sehr, sehr hohe Erwartungen. Von dieser Familie wird alles erwartet. «Draussen» ist es so brutal – und in der Stube soll eine Gegenwelt entstehen. Das funktioniert eben nicht.
Bortoluzzi
: Ich sehe das anders. Auf der einen Seite züchtet der Staat die Unfreiheit. Dann kompensieren die Leute: Sie geniessen auf oberflächliche Art die Freiheit und brechen aus der ehelichen Verantwortung aus. Die so genannte persönliche Freiheit, die da ausgelebt wird, hat auch nichts mit Wettbewerb zu tun, sondern mit den Einschränkungen auf allen anderen Gebieten.

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Rohner: Und trotzdem ist der Wettbewerb überall präsent.
Bortoluzzi
: Ist denn das so schlimm? Ich habe lange Sport gemacht und sehr viel gewonnen, ohne dass ich immer gewinnen musste. Sowohl einen Wettkampf zu bestreiten als auch am Ende vielleicht «nur» auf dem zweiten Platz zu landen waren ausgesprochen wertvolle Erfahrungen. Das Wettbewerbsprinzip basiert auf menschlichen Beziehungen.

Rohner: Es gibt Leute, die an allen Ecken und Enden verlieren. Schliesslich verlieren sie das Selbstvertrauen. Oder sie laufen Amok. Seien wir doch ehrlich: Gewinnen kann nur einer! Alle andern verlieren. Das ist doch nicht in Ordnung.
Bortoluzzi
: Das Konkurrenzprinzip ist nicht das Problem. Grundsätzlich ist der Mensch genügend beweglich, um sich auf neue Situationen einzustellen. Für Menschen über 50 wird es schwierig, sich tiefgreifend zu verändern. Aber der Strukturwandel war immer wieder eine Herausforderung für den Menschen. Und er hat sie immer wieder gemeistert.

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