Heute Nacht hatte ich eine Erscheinung!» Pater Reinhold Schmid, 82, steht in der Mitte des Speisesaals. Die Anwesenden, Teilnehmer einer Pilgerreisegruppe und während sechs Tagen seine Schäfchen, unterbrechen ihre Frühstücksgespräche, schauen ihn neugierig an. «Ehrlich!», sagt er. «Plötzlich erstrahlte mein Zimmer in gleissendem Licht, und eine weiss gekleidete Dame stand vor mir.» Um seine Mundwinkel zuckt es leicht. «Eine Versuchung war es allerdings nicht. Die Dame hat mindestens schon viermal den 20. Geburtstag gefeiert», erklärt er und grinst. Eine verwirrte Hochbetagte im Nachthemd hatte sich mitten in der Nacht in das Zimmer des Redemptoristenpaters verirrt und das Licht angezündet. Erleichtertes, da und dort mit milder Enttäuschung gepaartes Gelächter erfüllt den Raum. Immerhin ist dies hier Lourdes, ein Ort der Wunder und Erscheinungen.

Es ist eine bunt gemischte Gruppe von 35 Katholiken und einer Reformierten, die vor drei Tagen in einem Reisecar den langen Weg nach Lourdes angetreten hat. Ehepaare machen fast die Hälfte der Pilgergruppe aus, Frauen sind leicht in der Überzahl, das Durchschnittsalter beträgt 65 plus. Älteste Teilnehmerin ist die rüstige 88-jährige Elda Tomamichel. Die Bündnerin besucht den südfranzösischen Wallfahrtsort zum dritten Mal. Sie pilgert, «weil es jedes Mal ein schönes Erlebnis war», sagt sie. «Und wegen der Gemeinschaft.» Die alte Dame sitzt im Bus allein, seit einem halben Jahr ist sie Witwe.

Wer sich auf eine Woche des Bussetuns, der Reue und Selbstkasteiung eingestellt hat, wird von Pater Schmid gleich zu Anfang eines Besseren belehrt: «Eine Wallfahrt soll eine frohe Angelegenheit sein. Erbsli in den Schuhen sind also nicht nötig», erklärt er in seiner Doppelfunktion als Reiseleiter und Seelsorger übers Car-Mikrofon. «Es reicht völlig, wenn Sie immer pünktlich sind und auch jene in der Gruppe ertragen, die Ihnen nicht so sympathisch sind. Das ist Busse genug.»

66 anerkannte Wunder

Noch ist die Gruppe nicht richtig locker. Dem will der Pater abhelfen, indem er zum fröhlichen Gesang lädt: «Jetzt singed mier eis, wo alli chöned.» Erst verhalten, dann lauter singt die Gruppe «S isch mer alles ei Ding». Bald wechseln sich Rosenkranz-Gebete, Webstübler- und Alt-Bundesrat-Minger-Witze, Kirchenlieder und Kommentare zu Land, Leuten und Lokalem ab. Auch die Vita von Bernadette Soubirous kommt nicht zu kurz, jenem Mädchen, dem 1858 in der Grotte vor dem Bauerndorf Lourdes wiederholt die Mutter Gottes erschienen sein soll.

Nach zwei Tagen Reise, unzähligen Witzen, erstarkenden Singstimmen und einem Abstecher an den Pont du Gard, einen römischen Aquädukt, ist das Ziel endlich erreicht. Das ehemalige Bauerndorf am Fuss der Pyrenäen zählt heute rund 20'000 Einwohner und 400 Hotels – und weist damit nach der Touristenmetropole Paris die höchste Herbergendichte in Frankreich auf. Über sechs Millionen Pilger besuchen die heilige Stätte jährlich zwischen Ostern und Ende Oktober. Viele sind krank. Dem Wasser, das einer Quelle in der Grotte entspringt, wird entgegen wissenschaftlicher Analyseergebnisse heilende Wirkung zugesprochen. Knapp 7'000 Heilungen wurden bislang gemeldet. 66 sind von der katholischen Kirche als Wunder anerkannt.

Rollstuhlpiktogramme auf roten Fahrbahnen signalisieren: Hier hat der Kranke Vortritt. Krankenschwestern in adretten Uniformen, Kranke mit und ohne Rollstuhl, Touristen, Reisecars, Ordensbrüder, Nonnen, Kardinäle aus aller Herren Ländern, viele alte und wenige junge Pilger bevölkern die Strassen und Gassen. Hotels aus den Gründerjahren und unzählige Souvenirshops prägen das Strassenbild. Und überall schreit einem Devotionalienkitsch entgegen: «Kauf mich!» Das ist der weltliche Teil von Lourdes.

Nichts zu kaufen gibt es im heiligen Bezirk mit seinen 22 Kirchen und Kapellen. Das ist auch nicht nötig: Der Wallfahrtsbezirk Notre-Dame de Lourdes generiert 90 Prozent seiner Einkünfte aus Spenden. Doch auch hier ist immer etwas los, herrscht ein geschäftiges Treiben. Junge Priester mit rosigen Wangen nehmen auf Gartenbänken die Beichte ab. Schwestern telefonieren am Handy. Freiwillige Helfer bringen Ordnung in die Pilgerströme. Gläubige tragen ganze Bündel weiss-blauer Kerzen zur Grotte. Männer schleppen fast mannshohe, oft bunt dekorierte Andachtskerzen. Alte Frauen Kanister voller heilenden Wassers. Kranke sich selber.

Eine Pilgerreise zum Geburtstag

Am Wunder von Lourdes scheint keiner aus der Gruppe zu zweifeln. Die Hoffnung, selber eines zu erleben, hegt aber kaum einer – zumindest nicht offiziell. «Wegen der Wunder komme ich nicht», sagt auch Pater Schmid, der schon 70 bis 80 solcher Wallfahrten geführt hat. «Ich begleite die Pilger wegen der Seelsorge. Viele haben zu Hause niemanden, der ihnen zuhört. Das ist hier meine Aufgabe.» Vor allem Neugierde und Dankbarkeit gegenüber Gott führen die Pilger hierher. Deshalb, und nicht zuletzt, «um dem Sepp eine Freude zu machen», ist das Ehepaar Hans und Paula Traxel dabei. Hans Traxel ist Sepps Beistand, und die Wallfahrt dessen erste Reise ins Ausland. So steht Sepp, der Knecht vom Föhnenberg, am Tag der Abreise mit neuem Gewand, seiner ersten Identitätskarte und einem Rosenkranz im Sack erwartungsvoll am Abholtreffpunkt.

Eine Mutter und ihr apathischer 27-jähriger Sohn sind hier, um Kraft zu schöpfen, wie sie stellvertretend für beide erklärt. Die pensionierte Ex-Bankerin – «Ich bin quasi die katholische Zapfsäule meiner reformierten Bekannten, es haben ganz viele Lourdes-Wasser bei mir bestellt» – packte die Lust auf Lourdes, als sie vor einer Weile den südfranzösischen Katharerweg erwanderte. Die einzige reformierte Teilnehmerin begleitet ihren kranken und sehbehinderten katholischen Mann. Er hatte sich die Wallfahrt zum 65. Geburtstag gewünscht.

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Emma Allemann besucht zum dritten Mal Lourdes.

Auch Emma Allemann, schon zum dritten Mal in Lourdes, bekam die Reise zum Geburtstag geschenkt. Die 80-Jährige, die mit ihren beiden Nordic-Walking-Stöcken trotz Hüftoperation der Gruppe manchmal fast davonrennt, wird am letzten Tag mit ihrer Schwiegertochter wieder einmal ein Bad in der zwar heiligen, aber dennoch sieben Grad kalten Quelle nehmen. Vor Jahren, so erzählt sie, seien ihre schlimmen Rückenschmerzen nach einem Bad in der heiligen Quelle verschwunden – und für immer weggeblieben. Die Schwiegertochter, eine Anhängerin der Naturheilkundlerin Pauline Felder, will derweil den «Kraftort Lourdes» auspendeln. Der «Energielevel» der Gruppe habe schon am ersten Tag zugenommen, meint sie. Und ihre Schwiegermutter sei geradezu aufgeblüht. Kein Wunder, schliesslich trinke sie auch grosse Mengen Lourdes-Wasser.

Die mit Abstand jüngste Teilnehmerin dieser Wallfahrt ist 14 und heisst Salomé Ruckstuhl. «Meine Eltern haben mich ungefähr in diesem Alter nach Lourdes mitgenommen», erklärt Vater Ruckstuhl. «Wir wollten unserer Tochter dieses Erlebnis ebenfalls ermöglichen.» Wider alle Erwartungen scheint Teenager Salomé kein Problem damit zu haben, ihre Herbstferien mit einer Gruppe religiöser Senioren zu verbringen. Papas Erklärung: «Wir sind zu Hause in der Kirchgemeinde tätig, und Salomé ministriert auch.» Salomé selber findets toll, «ein einmaliges Erlebnis».

Messe auf Indonesisch? Kein Problem

Dienstag, 5.40 Uhr. Die Gruppe ist auf dem Weg zur wenige hundert Meter entfernten Grotte. Dort wird Pater Schmid als Gastpater die Eucharistiefeier für seine Pilger abhalten. Wallfahrer, die an der Grotte einen eigenen Gottesdienst in ihrer Landessprache zelebrieren möchten, müssen dies beim Generalsekretariat anmelden und erhalten dann einen Termin zugeteilt. Gleich nach den Schweizer Pilgern wird ein Kardinal aus Indonesien zu seinen Landsleuten predigen. Danach folgt vielleicht Ghana, Spanien oder Belgien.

Pater Schmid eilt in die Sakristei, wirft sich die Soutane über und beginnt mit der Messe. Es ist kalt und noch dunkel, Kerzenschein erhellt die Grotte, Scheinwerfer beleuchten die Marienstatue in der Nische darüber. An den Zapfhahnen neben der Grotte wird trotz der frühen Morgenstunde schon tüchtig Wasser abgefüllt. Die Stimmen des etwas verloren wirkenden Grüppchens sind noch brüchig und dünn, verleihen den Liedern, ja der ganzen Szene eine zarte Verletzlichkeit.

Dann darf Pilger Benedikt Ochsner eine Passage aus dem ersten Johannesbrief lesen. Stolz und würdevoll tritt der 64-Jährige an den Ambo, die Stelle, an der das Wort Gottes verkündet wird. Auch seine Stimme klingt noch nicht ganz wach. Und hinterher wird er sich ein bisschen ärgern: «Ich hatte einen kurzen Hänger.» Dass der gelernte Schreinermeister, der seit 25 Jahren als Sakristan arbeitet, überhaupt hier sein kann, ist sein ganz persönliches kleines Wunder. «Ich war schon ein paarmal im Tod ‹däne›», erzählt er. «Ärztepfusch.» Auch er ist, gemeinsam mit seiner Frau Maya, das erste Mal in Lourdes. «Ich wollte einfach mein kleines Wunder mit dem grossen hier zusammenbringen», sagt er. «Und für alles danken.»

Glänzende Augen, gerötete Wangen

Wallfahren ist eine anstrengende Angelegenheit. Nach dem Frühstück wird zum Gruppenfoto gebeten, dann gehts auf den Bernadette-Rundgang, zu den Stätten ihres Lebens vor der Erscheinung. Anschliessend Mittagessen. Dann wieder raus, auf den 1,5 Kilometer langen Kreuzweg am steilen Hang, den konservative Gläubige teils auf den Knien und mit blossen Füssen begehen – was Pater Schmid mit «Religion soll Freude machen, das Leben ist schon schwierig genug» kommentiert. Danach Abendessen und kurzes Ausruhen. Um 21 Uhr schliesslich das Highlight, von dem alle schwärmen: die Lichterprozession.

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Wallfahrtsort Lourdes: Jedes Jahr über sechs Millionen Pilger - viele von ihnen sind krank und versprechen sich Linderung vom heiligen Lourdes-Wasser.

Allabendlich treffen sich Tausende, ja Zehntausende Menschen auf dem grossen Platz vor der Basilika der unbefleckten Empfängnis. Ebenso viele Kerzen tauchen die pittoreske Szenerie in ein warmes, weiches Licht. Die Stimmung ist friedlich, voller Hoffnung, der Umgang selbst Fremder untereinander fast schon liebevoll. Hunderte der Lourdes-typischen Rollstühle werden von Pflegern in der Prozession mitgezogen, immer drei nebeneinander. Das fröhliche, simple Lourdes-Lied ertönt, bei jedem Ave heben die Pilger die Kerzen in die Höhe. Glänzende Augen, gerötete Wangen, strahlende, hoffnungsvolle, andächtige Gesichter. Etliche der Reisegruppe werden an allen drei Abenden an den Prozessionen teilnehmen, wegen der «wunderschönen Stimmung und dem Gemeinschaftserlebnis». Ein Wohlfühl-Erlebnis.

Auch der zweite Tag ist erfüllt von Messen und Andachten. Während des internationalen Gottesdienstes in der 25'000 Pilger fassenden unterirdischen Basilika ist ein stetes Kommen und Gehen. Verhaltene Hektik bricht aus, als eine jüngere Frau ohnmächtig niedersinkt. Sie wird von zwei Krankenschwestern mit wehenden Häubchen auf einem Spitalbett ins Sanitätszimmer der Kirche gebracht. Ein Priester eilt flatternden Rockzipfels hinterher.

Danach zelebriert die Schweizer Gruppe draussen eine kleine Feier für ihre fast mannshohe Gemeinschaftskerze. Für die hat Pater Schmid unter den Mitreisenden gesammelt, «weil es mehr Sinn macht, als wenn jeder einzeln Kerzen anzündet». 350 Euro sind zusammengekommen. Die Kerze kostet 75 Euro, den Rest spendet Pater Schmid den Karmeliterinnen.

Zehn vor sieben, letzter Abend. Pater Schmid segnet in einem Konferenzzimmer des Hotels die eingekauften Devotionalien. Plastiksäcke rascheln. Erst kommen die Kerzen dran, dann die Andachtsbildchen, danach die Rosenkränze. Das Wasser hats nicht nötig. Das sei eh schon gesegnet, meint der Pater. Dann gibts Abendessen und die Botschaft: «Morgen werden Sie um sechs Uhr geweckt.» Denn vor der Abfahrt heisst es noch einmal: Messe mit Pater Schmid. Um 8.32 Uhr dann der erste Webstübler-Witz. Der Car rollt Richtung Schweiz.

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