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Mittelstand«Da herrscht absolute Panik»

Aus Angst vor Armut vergisst die Mittelschicht, sich für ihre eigenen Interessen zu wehren, sagt die deutsche Publizistin Ulrike Herrmann.

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Ulrike Herrmann, 46, ist Wirtschaftskorrespondentin der deutschen Tageszeitung «taz». Vor kurzem erschien ihr Buch «Hurra, wir dürfen zahlen. Der Selbstbetrug der Mittelschicht».

Beobachter: Warum spielen heute so viele Mittelschichtskinder statt Fussball eher Klavier und Geige?
Ulrike Herrmann: Wegen ihrer Eltern. Die sind tatsächlich dazu übergegangen, ihre Kinder nicht mehr in den Fussballklub zu schicken. Fussball gilt als proletarisch und nicht als der richtige Umgang für ihre Kinder. Umgekehrt werden ganz klar Musikinstrumente bevorzugt, bei denen man hofft, dass das Kind dann die entsprechenden Oberschichten kennenlernt. Also Geige, Klarinette und Klavier.

Beobachter: Mittelschichtseltern tun auch alles, damit ihre Kinder möglichst ins Gymnasium gehen.
Herrmann: Auch darin äussert sich diese ausgeprägte Angst vor dem Abstieg, wie sie typisch ist für das Bürgertum. Eltern haben das Gefühl: Wenn sie nicht ganz früh in die Karriereplanung ihrer Kinder einsteigen, dann ist deren lebenslanges Scheitern programmiert. Da herrscht absolute Panik, die eigentlich unbegründet wäre.

Beobachter: Warum?
Herrmann: Weil zu wenig Kinder geboren werden. Wenn die gross sind, werden sie in eine Phase der Vollbeschäftigung eintreten, sagen praktisch alle Wirtschaftsprognosen. Nur können sich das die Eltern nicht vorstellen. Wir Babyboomer gehören einer Generation an, die schon früh mit Arbeitslosigkeit konfrontiert war. Diese Erfahrung übertragen wir auf unsere Kinder.

Beobachter: Ist dieses «Alles für die Kinder» auch Ausdruck dafür, dass man die Hoffnung auf den sozialen Aufstieg an die nächste Generation vertagt?
Herrmann: Das ist so. Viele Eltern sind frustriert. Sie mussten erleben, dass ihr sozialer Aufstieg nicht richtig funktioniert hat. Sie sind in der Mittelschicht gefangen geblieben, aber können das nicht eingestehen. Die Aufstiegshoffnungen delegieren sie an ihre Kinder.

Beobachter: Die Liebe zu Kindern ist aber nicht grenzenlos, zeigt unsere Beobachter-Umfrage: Lieber behält man sein Auto, als noch ein Kind auf die Welt zu stellen. Sind wir totale Materialisten?
Herrmann: Nein, nein, es geht gar nicht um das Materielle. Das Auto ist Statussymbol, der Beweis, dass man dazugehört. Typischerweise kam in Ihrer Umfrage auch heraus, dass gerade die oberen Mittelschichten eher bereit sind, aufs Auto zu verzichten. Die haben es nicht nötig, sich so von der Unterschicht abzugrenzen. Die müssen nicht zeigen, wie viel sie auf dem Konto haben.

Beobachter: Ihr Buch «Hurra, wir dürfen zahlen» liest sich wie eine Abrechnung mit dem Mittelstand – und Ihrer eigenen Herkunft?
Herrmann: Ich bin tatsächlich ein klassischer Fall. Ich wuchs in den siebziger Jahren in einem Hamburger Stadtteil auf, in dem fast nur Flüchtlinge aus dem Osten wohnten. Es gab kaum Akademiker, klassische Berufe waren Polizist und Handwerker. Die Eltern hatten die Hoffnung, dass es ihre Kinder einmal besser haben sollten. In den achtziger Jahren tauchte dann aber das Problem der Massenarbeitslosigkeit auf. Von da an war der ganze Stadtteil in Panik. Eltern sagten, ihre Kinder sollten besser nicht studieren, sondern eine Lehre machen. Das sei sicherer. Die Aufstiegshoffnungen wurden vertagt.

Beobachter: Sie halten sich aber hartnäckig.
Herrmann: Ja, man muss sich direkt fragen, warum die Leute noch immer nicht realisieren, dass es nur ein Traum war. Aber die 30 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg waren prägend für die Eltern der Babyboomer. Viele erlebten so etwas wie einen sozialen Aufstieg und dachten, das gehe ewig weiter so. Was sie übersahen: Für einige ging es viel weiter nach oben als für die vielen anderen.

Beobachter: Die Schere zwischen Arm und Reich öffnete sich seither immer stärker…
Herrmann: Die Folgen davon sind in Deutschland noch auffälliger als in der Schweiz. So sind bei uns in der letzten Aufschwungsphase von 2005 bis 2008 die Einkommen – trotz Boom – gefallen. Das gab es noch nie. Bis dahin galt immer: In Krisenzeiten muss man den Gürtel enger schnallen, in Boomzeiten profitieren alle.

Beobachter: Hinzu kamen Steuerentlastungen für Reiche.
Herrmann: Ja. Normalverdiener zahlen in Deutschland heute bis zu 53 Prozent ihrer Arbeitskosten in Form von Steuern und Sozialabgaben an den Staat. Nicht so die Reichen. Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung liefern die 450 reichsten Deutschen von ihrem Bruttoeinkommen effektiv nur 34 Prozent an den Staat ab. Millionäre zahlen prozentual weniger an den Staat als Normalverdiener.

Beobachter: Und brachten ihr Geld trotzdem in die Schweiz – um Steuern zu sparen.
Herrmann: Ironischerweise dreht sich in Deutschland die Diskussion nur um die Steueroase Schweiz. Die eigentliche Steueroase ist aber Deutschland. Millionäre werden von den Finanzämtern praktisch nie kontrolliert. Von den 30'000 Deutschen, die über 500'000 Euro Jahreseinkommen versteuern, werden nur rund 1700 pro Jahr überprüft. Die Reichen können abgeben und angeben, was sie wollen. Und keiner regt sich darüber auf.

Beobachter: Warum nicht?
Herrmann: Weil die Diffamierung des Staates so gut funktioniert. Mit den Kürzungen der Sozialabgaben und den Steuersenkungen signalisierte man der Mittelschicht: «Der Staat ist nur für die faulen Arbeitslosen da, die euch Steuerzahler ausplündern!» Deshalb sei es nur richtig, wenn die Steuern gesenkt würden. Dabei entgeht der Mittelschicht, dass von den Steuersenkungen vor allem die Privilegierten profitieren.

Beobachter: Ist das nicht etwas dramatisch gesehen?
Herrmann: Die Mittelschicht scheint nicht zu realisieren, dass vor allem sie selbst vom Staat profitiert. Der Ausbau der Schulen, der Fachhochschulen, der Universitäten – diese grossen Investitionen in den Bildungsbereich kommen vor allem der Mittelschicht zugute. Die Oberschicht braucht das nicht, die hat ihre Kinder schon immer auf die Uni geschickt. Das Neue am Wirtschaftswunder war ja, dass die Mittelschicht erstmals Zugang zur höheren Bildung bekam.

Beobachter: Woher diese Identifikation mit den Eliten?
Herrmann: Als man die Deutschen einmal fragte, was sie unter arm und reich verstehen, kam heraus: Die Leute denken, dass der Reichtum knapp oberhalb ihres eigenen Einkommens anfängt. Wenn man 1500 Euro bekommt, beginnt Reichtum bei 2000 Euro, bei drei Millionen Einkommen beginnt er bei vier Millionen. Die Mittelschicht denkt, sie sei ganz nah an den Reichen dran, sie müsse sich nur noch etwas anstrengen, dann hat sies geschafft.

Beobachter: Und die Reichen?
Herrmann: Die rechnen sich konsequent arm und haben das Gefühl, sie seien Mittelschicht. Nur so lassen sich skurrile Äusserungen wie jene von Gloria von Thurn und Taxis verstehen, die mal sagte: «Wir sind ganz normale Mittelschicht.» Ihr Sohn ist Milliardär. Wir sind ein sehr reiches Land, aber keiner fühlt sich reich.

Beobachter: Schätzen sich die Leute systematisch falsch ein?
Herrmann: Das Statistische Bundesamt bat die Bundesbürger mal, sie sollen sich einschätzen auf einer Skala von 10 für reich bis 1 für arm. Manager schätzten sich bei 6,6 ein, Arbeitslose bei 4,6. Das führt dann zu dieser Verwirrung. Alle fühlen sich als Mittelschicht. Mit dem Ergebnis, dass die Mittelschicht Steuergesetze befürwortet, die vor allem die Reichen begünstigen – mit der Folge, dass die Mittelschicht den Staat letztlich allein finanziert.

Beobachter: Wie ist das möglich?
Herrmann: Weil diese Gefühlslage vorherrscht, dass die Unterschicht durch ihr Nichtstun die angeblichen Leistungsträger in der Mittel- und Oberschicht ausnimmt. So kommt eine Koalition der selbsternannten Leistungsträger zustande. Wobei die Mittelschicht zu vergessen scheint, dass Leistung allein nicht weit führt. Man braucht auch die richtige Herkunft.

Beobachter: Aber die Mittelschicht stellt die meisten Wähler.
Herrmann: Daher ist sie nicht nur Opfer, sondern auch Täter. Sie selbst stimmt für eine Steuer- und Sozialpolitik, die ihren Interessen zuwiderläuft. Sich hinterher als Opfer von Lobbyisten zu stilisieren ist zu einfach. Die Reichen haben ja nur Erfolg, wenn die Botschaften ihrer Lobbyisten geglaubt, ihre Zeitungen gekauft, ihre Politiker gewählt werden.

Beobachter: Wann wird sich das ändern?
Herrmann: Das wird so lange so sein, wie sich die Mittelschicht zu den Reichen zählt.

Veröffentlicht am 07. Juni 2010