Die Kinder könnten draussen spielen - an diesem strahlenden Mittwochnachmittag im Herbst. Als Zeitvertreib böte sich auch die «Määs» an, die jährliche Chilbi in Luzern. Stattdessen stehen die sieben Vier- bis Fünfzehnjährigen im Foyer des Rosengart-Museums - sie haben sich für eine Führung durch die Kunstsammlung angemeldet, die unter anderem 125 Werke von Paul Klee und gegen 50 Werke von Pablo Picasso umfasst.

Es ist kurz vor zwei, eben haben die Kinder die Eltern verabschiedet, und jedes hat ein blaues Kissen in die Hand gedrückt bekommen. Scheue Blicke zur einzigen Erwachsenen im Raum, Martina Kral. Der Gesichtsausdruck der Kuratorin wiederum verrät Nervosität, sie schaut immer wieder zur Eingangspforte, die Sonne und Strassenlärm fernhält. Wo sind bloss Samira und Fiona? Denn ohne die beiden Mädchen ist sie aufgeschmissen. Die Idee des Projekts, das die kunstwissenschaftliche Beauftragte vor fünf Jahren lancierte: Kinder sollen Kinder durch die Sammlung führen.

Kleine Experten für kleine Besucher

Die Zahl der Museen, die bewusst ein junges Publikum ansprechen, ist in den letzten Jahren gestiegen. Erst waren es vor allem naturwissenschaftliche und technische Ausstellungen, die spezielle Programme für die Kleinen entwickelten. Dann folgten Kunsthäuser, die für die Vermittlung der Werke eigens pädagogische Konzepte realisieren liessen. Das Ziel: Kinder für Kunst zu begeistern.
Das wollte auch Martina Kral, als sie von der Rosengart-Stiftung den Auftrag erhielt, ein Projekt mit Kindern zu entwickeln. Es geht ihr dabei nicht primär um die Vermittlung von kunsthistorischem Wissen, sondern vielmehr darum, dass die kleinen Gäste «das Museum auch als einen Ort wahrnehmen, an dem gelacht werden darf, als einen Ort, an dem sie sich nicht fremd fühlen müssen, bloss weil sie nicht über die Künstler und deren Werke Bescheid wissen». Es stellte sich allerdings die Frage, wie die Kinder zu packen wären - in Räumen, die zwar perfekt ausgeleuchtet, aber karg gehalten sind. Rumtollen, Lärm machen, spielen - alles verboten. Dann kam ihr die Idee, dass Kinder wohl nicht nur die Antwort auf diese zentrale Frage hätten, sondern auch gleich selbst durch die Sammlung führen könnten.

Hauptsache neugierig

Die Schwestern Samira, 15, und Fiona Zaugg, 12, aus Schwarzenberg LU sind doch noch pünktlich erschienen. Im ersten Ausstellungsraum begrüssen die beiden ihre jungen Gäste, die sich wie geheissen auf die blauen Kissen gesetzt haben. Deren Gesichter verraten Unsicherheit - oder ist es Skepsis? So genau wissen die Knaben und Mädchen offensichtlich nicht, auf was sie sich da eingelassen haben. «Gute Erfahrungen sammeln» möchte beispielsweise der elfjährige Michel. Das aus Sicht der Kuratorin Wichtigste bringen alle mit: Neugier. Man merke sofort, ob ein Kind freiwillig komme oder von den Eltern dazu gedrängt worden sei.

Die beiden Teenager beginnen mit der Tour und wissen mit der anfänglichen Scheu ihrer Gäste umzugehen. Schon seit zwei Jahren gehören sie zum Team und meistern daher die Anfangssituation im wahrsten Sinne spielend. Die Kinder sollen anhand eines Ausschnitts aus einem Bild das Original auf einem der drei Stockwerke finden. «Die Guides entscheiden selber, welche Bilder sie mit ihren Gästen anschauen. Zudem sprechen sie sich jeweils vorher nicht mit mir ab, also ist es jedes Mal auch für mich überraschend und lehrreich dazu», flüstert Martina Kral, die in einer Ecke steht. Als Erwachsene ist sie nur Beobachterin, hat während der nächsten Stunde nichts zu sagen.

Später wird sie erzählen, wie das Konzept entstanden und gedacht ist, das vom Zentrum Paul Klee in Bern, vom Kunstmuseum in Basel und vom Historischen Museum Luzern übernommen wurde: Durch den Kontakt mit einer Schulklasse aus Schwarzenberg realisierte Kral, wie sehr die Geschichten über die Künstler wie Picasso oder Paul Klee die Kinder begeisterten. Anfängliche Hemmungen legten die Schüler schnell ab, als sie das tun durften, was Kinder gerne tun: «Sie lehrten mich, Fragen zu stellen», so Kral. Warum, weshalb, wieso? Oder: «Musste Picasso eigentlich auf der Strasse auch Autogramme geben?» Mit einigen Schülern aus dieser Klasse startete die Kuratorin schliesslich ihr Projekt. Bis heute fanden in den altehrwürdigen Räumen der ehemaligen Nationalbank fast 100 Führungen mit rund 700 jungen Gästen statt.

«Wie könnte dieses Bild heissen?» Samira und Fiona versuchen die jungen Besucher möglichst rasch in ein Gespräch zu verwickeln, als alle das Bild gefunden und sich sitzend davor gruppiert haben. «Was meinst du?», richtet sich Samira an den 15-jährigen Tobias, den Ältesten unter den Gästen. Er zuckt mit den Schultern. Samira fragt weiter: «Was siehst du denn?» - «Einen Berg», antwortet Tobias unsicher, worauf Fiona es nochmals versucht: «Und was seht ihr noch?» Peu à peu nähern sich die Kinder dem Namen des Bildes von Paul Klee: «Bergbahn». Es entwickelt sich ein Dialog, in dem es nicht so sehr um Daten und Fakten als um Eindrücke und Empfindungen geht. Während das Bild den einen zu «blass» ist, findet es Michel gar «etwas langweilig, irgendwie plump».

Anzeige

«Es gibt kein Richtig oder Falsch»

Martina Kral im hinteren Teil des Raumes schmunzelt und beobachtet die Vierjährigen, die beide Maëlle heissen. Eigentlich wären die Führungen erst ab sieben Jahren, doch die Kuratorin mochte die Mütter mit ihren Kindern nicht wieder heimschicken. Rasch auf die ungewohnte Situation reagiert haben Samira und Fiona. Sie nehmen die beiden bei der Hand, als sie die Schar zu Picassos «Marie-Thérèse mit Strohhut» führen. «Ein fröhliches Bild», konstatiert die siebenjährige Annalena, und keines der Kinder scheint es zu irritieren, dass beide Augen der porträtierten Frau zu sehen sind, obwohl sie im Profil gemalt ist. «Bilder wirken auf Kinder ganz anders als auf uns Erwachsene. In solchen Führungen sollen sie lernen, dass es bei ihrer Wahrnehmung kein Richtig oder Falsch gibt», sagt Martina Kral.

Nach einer Stunde sind die sieben Museumsbesucher mit ihren Lotsinnen wieder im Foyer. Tobias hat es so gut gefallen, dass er sich überlegt, auch zum nächsten Treffen der jungen Kunstführerinnen zu gehen. Samira und Fiona atmen derweil auf: «Es ist gut gegangen.»

Anzeige
Quelle: Stephan Rappo