Zum Schluss bittet Katrin Naef die quirligen Buben und Mädchen, Zettel und Bleistift zu nehmen und zu notieren, was ihnen gefallen hat. Der achtjährige Alec denkt nach, setzt den Stift an und kritzelt. Plötzlich stoppt er und fragt: «Haben Sie einen Radiergummi?» Museumspädagogin Katrin Naef schaut ihn mit grossen Augen an und antwortet: «Nein, du kannst einfach durchstreichen; wir sind ja hier nicht in der Schule.»

Alec und seine 24 Gspäändli nehmen im Kunsthaus Aarau an einem Workshop teil. Sie kommen aus Birmenstorf AG und haben sich gut auf den Anlass vorbereitet: Zwei Monate lang hat Lehrerin Renata Knoth zwei Schulstunden pro Woche dafür eingesetzt, die Erst- und Zweitklässler auf den Museumsbesuch einzustimmen. Dafür hat sie eine Schachtel mit Karten gekauft, auf denen viele der im Museum gezeigten Bilder zu sehen sind. Diese lassen sich gut im Unterricht einsetzen und garantieren später beim Gang durch die Ausstellung einen Aha-Effekt.

Wie ein grosses Bilderbuch

«Museumsbesuche gehören für mich zu einer guten Kunsterziehung», meint Lehrerin Knoth. In der Schule würden sie die verschiedenen Stile und das Leben der Künstler anschauen. Bei den Schülern sei die Freude auf den Tag X jeweils riesig, einzelne hätten am Vorabend kaum einschlafen können. «Die Kinder sind genau im richtigen Alter, um das Interesse für die Kunst zu wecken.» Und dank der Arbeit der Museumspädagogik könne auch die Lehrerin mehr profitieren, als wenn sie die Kinder selbst führen müsste.

Kindern ein Kunstmuseum zu zeigen ist tatsächlich keine einfache Sache. Das beginnt gleich nach dem Eintreffen bei der obligaten Garderobe-Verwirrung: Bis alle Jacken, Taschen, Schirme in den Fächli sind, dauert es eine Weile, und bis alle Schüler auf dem WC waren und im Atelier auf den Kissen sitzen, braucht es nochmals Nerven. Museumspädagogin Naef begrüsst alle, fragt nach, was in der Schule behandelt wurde, und will wissen, was im Museum nicht erlaubt sei. «Die Bilder anfassen», «herumrennen», «laut schreien», antworten die Schüler. Dann donnern 50 Kinderbeine die Wendeltreppe hoch in den ersten Stock, wo Katrin Naef mit der Führung beginnen wird.

In der Schweiz gibt es rund 1’000 Museen, Tendenz steigend. Die Palette reicht vom Aathaler Sauriermuseum bis zur Zuger Burg. So verschieden Grösse und Inhalte dieser Häuser sind, eines haben sie gemeinsam: Jahrzehntelang galten sie als verstaubte Stätten des Bürgertums, als «Orte der Belehrung und Andacht», wie Franziska Dürr meint. Die Leiterin der Museumspädagogik im Kunsthaus Aarau koordiniert das Programm für den Museumstag am 21. Mai (siehe «Weitere Infos» am Ende des Artikels).

Lange hätten die Museen vor allem Wissen vermittelt, meint Dürr, was bei vielen Besuchern Blockaden aufgebaut habe. «Eltern sind oft hilflos, wenn sie mit Kindern ins Museum kommen. Sie wollen nichts falsch machen, also sagen sie einfach ‹Pscht!› und ‹Nicht berühren!›. So verlieren Kinder bald jede Freude am Museum.» Hier müsse die Museumspädagogik «sanft eingreifen», sagt Dürr. «Eltern und Kinder müssen das Gefühl erhalten, das Museum sei ein grosses Bilderbuch, in dem man herumspazieren darf.» Die Freiheit, alles zu entdecken, ist zwar gross, aber nicht grenzenlos - die Frage ist, wie man die Grenzen aufzeigt. Sind Kinder zu laut, macht Dürr beispielsweise ein Spiel und sagt, jetzt würden einmal alle zusammen ganz, ganz leise auf Zehenspitzen durch den Saal gehen... «Das ist natürlich etwas anderes, als wenn ich sage: ‹Jetzt seid endlich mal ruhig!›»

Gespenster und goldene Wolken

Kindern einen (geschützten) Freiraum bieten - in den letzten Jahren setzen immer mehr Museen auf dieses Prinzip. Weit verbreitet sind Führungen für Schulklassen jeder Altersstufe; praktisch alle grossen und mittleren Häuser haben solche Angebote. Arbeitsblätter, Suchspiele, Malateliers sind die gängigen Elemente, doch immer wieder kommt Neues dazu. Im Museum für Kommunikation in Bern etwa gibt es den Anlass «Handymanie», den der Vermittler Gallus Staubli wie folgt ankündigt: «Bitte Handy mitnehmen und nicht ausschalten!» Es handle sich «eher um eine Gesprächsrunde als um eine Führung», meint Staubli. Zwar würde man auch Objekte einsetzen, im Zentrum aber stehe «die Diskussion über die sozialen Auswirkungen der Handynutzung». Daneben gibt es ein Online-Spiel zum Formulieren von Liebesbriefen oder den Workshop «Blind Date», der Kommunikation mit vier Sinnen erlebbar macht. «Bei uns werden die pädagogischen Anliegen von Anfang an in jede Ausstellung einbezogen», betont Staubli.

Im Kunsthaus Aarau spaziert Katrin Naef mit den Schülern inzwischen durch die Sammlung. Sofort erkennen die Kinder jene Werke, die sie mit der Lehrerin besprochen haben, lebhaft schildern sie ihre Eindrücke. «Ich habe es mir grösser vorgestellt», sagt ein Mädchen über ein Bild von Caspar Wolf, der im 18. Jahrhundert viele Höhlen in den Alpen gemalt hat. «Ich dachte, es sei kleiner», meint ein Junge. Dann geht es darum, die Details zu beschreiben: Wetter, Stimmung, Farben.

Endlich folgt der Höhepunkt: Die Kinder dürfen im Atelier selber malen. Katrin Naef verteilt Schürzen, Farben, Pinsel, die Schüler holen sich eine Kunstkarte: «Ihr dürft diese übermalen und ergänzen, wie ihr wollt», erklärt Naef. So werden Wolfs ehrwürdige Höhlen von Kinderhänden belebt: Hier taucht eine rosa Picknickdecke auf, dort eine goldene Wolke; Gespenster lachen aus dem Dunkel, und sechsbeinige Schafe grasen auf dem Felsboden; es gibt erdbeerrote Sonnen, tiefblaue Gleitschirmflieger, schwarze Kletterer und grüne Alphornbläser; ein Schüler pinselt gar einen regelrechten Schneesturm ins Innere der Höhle.

Solche und ähnliche Auseinandersetzungen mit fremder und eigener Kreativität sind nicht nur im schulischen Rahmen möglich; am Mittwochnachmittag oder am Wochenende können Kinder mit den Eltern oder teils auch ohne Begleitung in vielen Museen Spannendes erleben. In der Sammlung Rosengart in Luzern zum Beispiel, einem Haus für Kunst der Klassischen Moderne, gibt es das «Kinderteam»: Ein Dutzend 10- bis 14-jährige Juniorvermittler bringen Altersgenossen die Kunstwerke näher. Der Vorteil dieser Lösung: «Die Kinder verlieren die Angst, etwas Falsches zu sagen. Zählt für Erwachsene primär das Wissen über die Werke, erschliessen sich Kinder diese Welten eher über Geschichten und Fantasien», erklärt Projektleiterin Martina Kral.

Der Elefant, der auf einer Maus reitet

Einen besonderen Mix zwischen Geschichten und Geschichte bietet das Museum Rietberg in Zürich mit der Veranstaltungsreihe «Grosseltern und Enkelkinder». An diesem trüben Mittwochnachmittag finden sich dazu fast 30 Personen ein. Auf den ersten Blick ist dieses Haus ein denkbar ungeeigneter Ort, um mit dem Nachwuchs etwas zu erleben: In den Räumen ruhen Kunstwerke aus verschiedenen Kulturen auf Säulen oder hinter Glas - die meisten sind sehr alt und kostbar und sollten nicht berührt werden.

Doch Vermittlerin Maya Bührer bricht rasch das Eis und macht die Gruppe mit einer indischen Gottheit bekannt: Ganesha. Die Figur hat einen rundlichen Menschenkörper und einen Elefantenkopf und reitet auf einer Maus. Grosseltern und Kinder lernen, mit welchen Gebeten und Ritualen der Gott begrüsst wird, weshalb ihm Früchte und Blumen geopfert werden und warum es dazu meist ein Räucherstäbchen und einen roten Punkt auf der Stirn braucht. Zum Schluss können die Teilnehmer, ähnlich wie dies in indischen Werkstätten gemacht wird, eine Ganesha-Figur aus Ton modellieren.

Für diesen Anlass eigens aus Zug angereist sind Anita und Marcel Diethelm, 67- und 68-jährig, mit den Enkeltöchtern Laura, 6, und Rahel, 8. Sie sei sehr kunstinteressiert, sagt Anita Diethelm, und nun seien auch die Enkelinnen alt genug für Ausstellungen. «Wir haben sie gefragt, ob sie möchten, und sie wollten gern», erzählt die Grossmutter. Auf eigene Faust ins Museum zu gehen wäre nicht dasselbe, meint Marcel Diethelm: «Ich war froh um die kompetente und kindgerechte Information durch eine geschulte Person.»

In der Pause offeriert Maya Bührer Tschai-Tee und getrocknete Früchte. Seit 15 Jahren arbeitet sie im Museum Rietberg, und in all den Jahren sei noch nie eines der Kinder «übermütig» geworden. «Sie entwickeln wie von selbst den nötigen Respekt gegenüber den ausgestellten Objekten, wenn ich mit gutem Beispiel vorangehe», sagt die Kulturvermittlerin. Und als hätte er es gehört, lächelt der mit Blumen geschmückte Ganesha still in sich hinein.


Weitere Infos

  • Was könnten Kinder auf eigene Faust am schulfreien Mittwochnachmittag im Museum tun? Welche Burgen bieten am Wochenende Familienführungen an? In welchen Häusern kommen auch Eltern oder Grosseltern auf ihre Kosten? Antworten unter: www.museumslupe.ch
  • Einen guten Einblick in die Museumslandschaft bietet der schweizerische Museumsverband: www.museums.ch
  • Der Internationale Museumstag am Sonntag, 21. Mai, wartet mit einem besonders kindgerechten Angebot auf. Workshops, Wettbewerbe und Führungen in rund 200 Schweizer Museen: www.museumstag.ch
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Quelle: Elisabeth Real