Beobachter: Haben Sie sich bereits an Ihr neues Arbeitsinstrument im Berner Münster gewöhnt?
Daniel Glaus: Ich werde mich lange mit dieser Orgel auseinander setzen müssen. Das geht nicht von einem Tag auf den anderen. Der Prozess wird nie abgeschlossen sein. Es ist wie mit der Beziehung zu einem anderen Menschen. Da kann man auch nicht plötzlich sagen: «So, jetzt kennen wir uns.» Und noch etwas: Nicht nur jede Orgel ist anders, auch jeder Raum klingt anders. Er ist der Resonanzkasten des Instruments. Bis ich hier den Raum ausgelotet habe, wird noch viel Wasser die Aare hinunterfliessen.

Beobachter: Den Raum in der Kirche ausloten - wie geht das?
Glaus: Ausprobieren. Ich spiele etwas und achte bewusst darauf, wie es zurückkommt. Oder ich lasse die Studierenden der Kunsthochschule spielen, stelle mich ins Kirchenschiff und horche, wie es aus der Position der Zuhörer klingt.

Beobachter: Heute gehen immer weniger Leute in die Kirche; der Organist verliert sein Publikum.
Daniel Glaus: Das stimmt so nicht ganz, zumindest nicht für mich. Als ich noch Organist in der Stadtkirche Biel war, konnte ich durchaus ein Publikum für die Orgelmusik gewinnen - trotz wachsender Skepsis gegenüber der Kirche. Es handelte sich allerdings um ein neues Publikum, nicht unbedingt um den typischen Kirchgänger, sondern um Menschen, die offen waren für Unerhörtes.

Beobachter: Unerhörtes?
Daniel Glaus: Zusammen mit einem Forschungsteam habe ich eine neue Orgel entwickelt. Seit mehreren Jahren steht ein Prototyp dieser Forschungsorgel in der Stadtkirche Biel. Die Musik, die auf diesem Instrument entsteht, kann sehr experimentell klingen, zuweilen fast wie in einem Computerspiel, wie elektronische Musik. Obschon in unserer Orgel keinerlei Elektronik eingebaut ist.

Beobachter: Was ist neu an Ihrer Orgel?
Daniel Glaus: Schauen Sie, die Orgel hier im Berner Münster, die nach traditionellen Erkenntnissen gebaut wurde, hat 5'119 Pfeifen. Zu jeder Pfeife gehört ein Ton. Der ist immer gleich, weil die Luft, die durch die Pfeife strömt - der so genannte Winddruck -, konstant bleibt. Da gibt es kein leiser oder lauter. (Er drückt eine Taste nieder.) Die darf nur so klingen. Das ist doch eine absolutistische Bestimmung! Für unsere «sensible» Orgel haben wir im Forschungsteam unter anderem ein Ventil entwickelt, das sehr fein auf den Tastendruck reagiert. So kann der Organist die Luftzufuhr dosieren, und es entstehen Klänge, von denen ich nie gedacht hätte, dass eine Orgel so etwas produzieren kann. Es flüstert und hustet und wispert.


Beobachter: Wie reagierten die Leute auf die ungewohnten Klänge?
Daniel Glaus: Ich hatte sie schon darauf vorbereitet. Früh und noch auf der herkömmlichen Orgel hatte ich angefangen, experimentelle, zeitgenössische Musik zu spielen. Die Bieler Hörgemeinde wusste also, was sie mit dem neuen Instrument erwartet.

Beobachter: Sie haben die Kirchgänger mit der Zeit zu einem anderen Hören erzogen?
Daniel Glaus: Ich glaube schon. In Filmen läuft häufig extrem experimentelle Musik - und niemand stört sich daran. Wird dieselbe Musik im Konzertsaal oder in der Kirche gespielt, denken viele: «Furchtbar!» Meiner Hörgemeinde in Biel habe ich die befremdenden Klänge begleitet von anderen Künsten wie Akrobatik oder Tanz vermittelt. Das hat vielleicht geholfen, die Musik besser zu verstehen. Aber das Wort Hörerziehung gefällt mir nicht. Es hat etwas Elitäres und stellt mich auf ein anderes Niveau als das Publikum, und das ist mir fremd.

Beobachter: Der gleichförmige Ton der Orgel gilt als Symbol für den ewigen Atem Gottes. Die Forschungsorgel zerstört dieses Ideal.
Daniel Glaus: Der ewige, gleichförmige Atem Gottes - das ist eine Frage der Interpretation. Es gibt auch einen anderen Gott, dessen Atem dynamisch ist, etwa im 1. Buch der Könige: Elia hat am Berg Horeb eine Gotteserscheinung, und es steht geschrieben: «...da kam ein sanftes, zartes Säuseln.»

Beobachter: Plädieren Sie mit Ihrer Erfindung auch für ein offeneres Gottesverständnis?
Daniel Glaus: Ich bin Musiker, kein Theologe. Die Orgel ist ungefähr 2'300 Jahre alt. Während langer Zeit, mehr als 1'000 Jahren, war sie ein weltliches Instrument. Mir geht es nicht um das Göttlich-Erhabene, das der Orgel heute anhaftet. Ich habe einen anderen Blick auf das Instrument als die kirchliche Dogmatik. Das ermöglicht mir, die Orgel weiterzudenken, über ihre heutigen Grenzen hinaus.

Beobachter: Müssen Organisten sich für Ihre Forschungsorgel eine neue Spieltechnik aneignen?
Daniel Glaus: Die Spieler sind sich gewohnt: Die Taste drücken, ein Ton klingt. Die Taste loslassen, der Ton ist zu Ende. Bei der Forschungsorgel geht die Rechnung so nicht mehr auf. Je nach Druck auf die Taste verändern sich Lautstärke, Klangfarbe und sogar die Höhe des Tons. Der Organist muss seine Bewegungen viel besser unter Kontrolle haben. Nicht nur mechanisch mit dem Finger oder dem Fuss, sondern auch mit den Ohren.

Beobachter: Sie fordern Komponisten auf, für Ihre Forschungsorgel zu komponieren. Wird Ihr Aufruf erhört?
Daniel Glaus: Ja, es gibt bereits einige sehr interessante Stücke. Doch haben meine wirklich interessanten Komponistenkollegen eine starke Hemmung, für Orgel zu komponieren. Sie fühlen sich vom Standort der Orgeln - meistens in Kirchen - abgeschreckt. Der Institution Kirche haftet aus ihrer Sicht etwas Verstaubtes, Unaufgeklärtes, Antiquiertes an. Darüber hinaus ist eine Komposition für unsere Forschungsorgel sehr zeitaufwändig, da die Musiker und Musikerinnen das neuartige Instrument zuerst in einem langen Prozess kennen lernen müssen. Ohne bezahlte Kompositionsaufträge geht es nicht. Um weitere Stücke zu bekommen, muss ich deshalb zuerst Geldgeber finden.

Beobachter: Sind die gewünschten Kompositionen noch Kirchenmusik?
Daniel Glaus: Sie sollen in erster Linie gute zeitgenössische Musik sein! Hinzu kommt, dass unsere Orgelprototypen relativ einfach zu transportieren sind und durchaus auch in profane Kulturräume wie Konzertsäle, Museen oder Fabrikhallen gebracht werden können. Die Orgel ist für mich nicht mehr ein rein geistlich-kirchliches Instrument. Es geht mir auch darum, sie von diesem «Weihrauchdunst» zu befreien.

Beobachter: Trotzdem sind Sie mit Leib und Seele Kirchenmusiker?
Daniel Glaus: Ich bin ganz bewusst und überzeugt Kirchenmusiker. Ich finde, dass hier die einzigartige Möglichkeit besteht, zusammen mit Pfarrerin und Pfarrer, aber auch zusammen mit oft ganz verrückt schönen Räumen Musik zu vermitteln, mit Musik zu Menschen zu sprechen, wie es in «normalen» Konzertlokalen sonst nicht möglich ist.

Beobachter: Wie kam die Orgel überhaupt in die Kirche?
Daniel Glaus: Die Orgel wurde als weltliches Instrument zur Zeit der Antike in Amphitheatern gespielt und auf Karren hin- und hertransportiert. Später fing man an, sie kunstvoll zu verzieren. Bei Staatsbesuchen brachte man dem König eine Orgel mit. Sie wurde zum Ausdruck von Pomp, von Reichtum.

Beobachter: Und das gefiel den Geistlichen.
Daniel Glaus: Nein, so schnell ging das nicht. In die Kirche kam die Orgel quasi durchs Hintertürchen, im Mittelalter erst: Die Patres entdeckten die kleinen Orgeln für ihre Klosterschulen - als perfekte Instrumente für den Musikunterricht, weil man mit ihnen die Tonleitern gut lernen konnte. Die Orgel war zwar in die Nähe der Kirche gerückt - aber noch lange nicht das typische Kircheninstrument.

Beobachter: Warum?
Daniel Glaus: Das Verhältnis der Kirche zur Orgel wie zu jedem anderen Instrument war und ist ambivalent. Die Sinnlichkeit der Musik oder der weltliche Musiker, der in den Augen der Theologen das Heidnische, Unkontrollierbare repräsentiert - das bedeutet auch immer Gefahr für die Kirche. Die Reformatoren, vor allem Calvin und Zwingli, waren da radikal. Sie haben die Orgeln aus der Kirche verbannt. Während der stürmischen Wirren der Reformation wurden zusammen mit den Heiligenbildern auch die Orgeln aus den Gotteshäusern gerissen - und erst etwa 250 Jahre später wieder eingebaut. Anderseits erkannte die Kirche natürlich auch das Potenzial der Orgel als Machtinstrument und annektierte sie.

Beobachter: Ein Machtinstrument im wahrsten Sinne des Wortes.
Daniel Glaus: Klar. Wenn ich voll in die Tasten greife und tutti spiele, erzittern die Gemäuer. Das beeindruckt die Leute und kann ihnen Angst machen - vor der Allmacht der Kirche zum Beispiel. Doch kann jede Orgel auch ganz leise und geheimnisvoll klingen. Dieser Aspekt reizt mich persönlich viel stärker.

Beobachter: Was wollen Sie mit Ihrer Musik bei den Menschen auslösen?
Daniel Glaus: Durch die Überflutung mit Tonreizen, mit Lärm, ist vielen die Fähigkeit des Lauschens abhanden gekommen. Ich möchte den Menschen das Lauschen wieder zurückgeben. Damit meine ich nicht nur die Wahrnehmung eines Klangs, sondern auch das Hineinhorchen in die Stille. Zum Beispiel bin ich der Meinung, dass die Stille hier im Münster mit unzählbaren Tönen meiner Vorgänger angereichert ist.

Beobachter: Im Münster hausen Tongeister?
Daniel Glaus: Ich glaube, dass in diesem Raum, neben all dem Sandstein und den farbigen Kirchenfenstern, eine Art geistige Kathedrale lebt, aufgebaut durch all jene, die hier drinnen gewirkt haben, wirken und noch wirken werden. Es ist alles da.

Beobachter: Warum halten wir es in der heutigen Lärmüberflutung überhaupt noch aus?
Daniel Glaus: Halten wir es denn noch aus? Oder sind die vielen Psychiaterbesuche unter Umständen ein Zeichen dafür, dass wir es eben nicht mehr aushalten? Die immense und ständige Schallüberflutung ist heutzutage erwiesenermassen eine der grössten Gefahren für unsere Gesundheit. Dagegen müssen wir ankämpfen.

Beobachter: Wie hören wir heute?
Daniel Glaus: Die Schallüberreizung hat zur Folge, dass wir meistens nur noch wegzuhören versuchen. Doch wir können die Ohren nicht so einfach schliessen wie die Augen. Wir sind zum Hören «verdammt». Es sei denn, wir setzen Ohropax in den Gehörgang oder Kopfhörer auf. Beides kapselt ab, individualisiert und entfremdet.

Beobachter: Der ständige Lärm kommt häufig als Musik daher: im Warenhaus oder in der telefonischen Warteschleife...
Daniel Glaus: Wie wohltuend sind doch Restaurants, in denen nicht im Hintergrund noch Musik läuft! Hier kann man sich noch begegnen.

Beobachter: Wo ist für Sie die Grenze zwischen Lärm und Musik?
Daniel Glaus: Musik kann zum Lärm verkommen, und Lärm kann zur Musik werden. Es ist alles eine Frage der Einstellung. Früher ärgerte ich mich immer beim Wandern in den Bergen über den Lärm der Flugzeuge, bis ich entdeckte, dass ich aus ihrem Motorengebrumm die ganze Obertonreihe heraushören kann.

Beobachter: Wo finden wir heute noch Stille?
Daniel Glaus: Für mich persönlich ist Stille ein lebensnotwendiges, kraftspendendes Mittel, ähnlich wie der tägliche Schlaf oder wie die Nahrung. Deshalb suche ich die Stille unablässig, überall. Und ich finde sie in der Haltung des Lauschens, wobei sich dieses Lauschen verschieden manifestieren kann: in Klänge hineinlauschen oder in die Vergangenheit, in Räume, in Worte, in mich selbst. Stille finde ich auch in der Natur, auf Bergeshöhen, in Felswüsten oder in Enzianblütenkelchen.