Anna Sutter, 37, hat vor kurzem ihr zweites Kind bekommen. Die Sachbearbeiterin in der Sponsor- und Kulturabteilung einer grossen Firma in Zürich arbeitet seit ein paar Wochen wieder. Zum Stillen geht sie jeweils in die firmeneigene Krippe. Dass die Stillzeit als Arbeitszeit gilt, muss man ihr nicht sagen – sie hat sich während der Schwangerschaft ausführlich über ihre Rechte informiert.

So gut aufgeklärt wie Anna Sutter sind die wenigsten stillenden Mütter. Christa Müller-Aregger von der Geschäftsstelle des Berufsverbands Schweizerischer Stillberaterinnen bestätigt: «Die Arbeitstätigkeit von stillenden Frauen in der Schweiz nimmt zu. Viele wollen oder müssen nach dem Mutterschaftsurlaub bald wieder arbeiten. Wozu der Arbeitgeber verpflichtet wäre, wissen sie aber oft nicht.» Das ärgert Christa Müller-Aregger, denn viele Mütter hören beim beruflichen Wiedereinstieg mit dem Stillen auf, obwohl eine volle Stillzeit von vier bis sechs Monaten gut wäre.

«Stillen ist gesund, sowohl für die Mutter als auch für das Kind», so Christa Müller-Aregger. «Das ist heute allgemein bekannt.» Gestillte Kinder erkranken weniger oft – das belegen zahlreiche Studien. Und zwar nicht nur während der Stillzeit, sondern bis ins Erwachsenenalter. Denn die Muttermilch erhöht den Infektionsschutz und schützt den Magen-Darm-Trakt. Auch den Müttern nützt das Stillen, weil damit die Gebärmutterrückbildung nach der Geburt unterstützt wird. Zudem lässt sich so das Risiko einer Brustkrebserkrankung verringern.

Anzeige

Stillen ist also gesundheitsfördernd, eine Art Krankheitsprävention mit Langzeitwirkung. «Das muss man den Arbeitgebern klar machen», fordert Christa Müller-Aregger. «Dann würden sie sich auch eher für geeignete Ruheräume für die stillenden Mütter einsetzen.»

Notfalls Muttermilch abpumpen

Anna Sutter hat da Glück: Der Idealfall, dass eine Mutter ihr Baby zur Arbeit mitnehmen und dort stillen kann, ist nämlich selten. Aber auch Kinder, die getrennt von der Mutter betreut werden, müssen nicht auf die Muttermilch verzichten. Als Lösung bietet sich das Abpumpen der Milch an. Dafür benötigen die arbeitenden Mütter zweimal am Tag eine halbe Stunde Zeit in einem ruhigen und rauchfreien Raum, wo sie ungestört sind. Ein Kühlschrank muss vorhanden sein, da die abgepumpte Milch sofort kühl gestellt werden muss und dann den Betreuern am nächsten Tag übergeben werden kann.

Anzeige

Im neuen Arbeitsgesetz, das seit letztem Sommer in Kraft ist, wird dieses Vorgehen unterstützt. Für das Stillen im ersten Lebensjahr gilt:

  • Stillende Frauen dürfen nach acht Wochen Mutterschaftsurlaub nur mit ihrem Einverständnis beschäftigt werden.
  • Stillende Frauen dürfen nicht mehr als neun Stunden pro Tag zur Arbeit herangezogen werden.
  • Stillzeit im Betrieb ist Arbeitszeit und muss bezahlt werden.
  • Verlässt die Arbeitnehmerin zum Stillen den Arbeitsort, ist die Hälfte dieser Abwesenheit als Arbeitszeit anzuerkennen.
  • Die Stillzeit muss weder vor- noch nachgeholt werden und darf auch nicht an andere gesetzliche Ruhe- oder Ausgleichszeiten angerechnet werden.
  • Stillzeit darf nicht im Überzeitkonto als Negativsaldo aufgeführt oder als Ferien belastet werden.

Wie diese Bestimmungen in die Realität umgesetzt werden sollen, ist allerdings unklar. Denn längst nicht alle Betriebe verfügen heute über eigene Ruheräume für die Stillenden. Da bleibt noch viel zu tun.

Anzeige

Seit der Ablehnung der Mutterschaftsversicherung vor zwei Jahren laufen im Parlament und in den Kantonen verschiedene Vorstösse und Motionen, um einen minimalen Schutz für berufstätige Mütter und ihre Kinder im Gesetz zu verankern. Derweil hat Justizministerin Ruth Metzler zwei Varianten eines bezahlten Mutterschaftsurlaubs vorgestellt, die nun in der Vernehmlassung sind. Man darf gespannt sein, worauf sich Arbeitgeber und Parlament einigen werden. Handlungsbedarf besteht zweifellos: Laut schweizerischer Arbeitskräfteerhebung von 1991 bis 1999 bleiben 60 Prozent der Frauen nach der Geburt des ersten Kindes voll- oder teilzeitlich im Erwerbsleben – Tendenz steigend.

Aber auch ohne Mutterschaftsversicherung gilt für alle arbeitenden Mütter: Sie müssen ihr Recht aufs Stillen am Arbeitsplatz einfordern. Die Betriebe ihrerseits sollen mehr auf die Möglichkeit des Stillens während der Arbeitszeit hinweisen. Um das Stillrecht am Arbeitsplatz durchzusetzen, braucht es gegenseitige Toleranz. Ein klärendes Gespräch zwischen dem Arbeitgeber und der werdenden Mutter im Vorfeld ist sicherlich sinnvoll.

Anzeige