Dieser Goldschmied war in ganz Arabien berühmt für seinen prachtvoll gearbeiteten Goldschmuck. Und so war es nicht erstaunlich, dass eines Tages ein Bote des Kalifen von Bagdad in seiner Werkstatt erschien und ihm Folgendes mitteilte: «Der grossmächtige Kalif wünscht sich das Kostbarste, das du je erschaffen hast zu besitzen, dafür wird er dir jeden Wunsch erfüllen. Du sollst heute in 30 Tagen in Bagdad vor dem Kalifen erscheinen, um das auserwählte Schmuckstück zu zeigen.» Omar besass ein prachtvolles, mit Diamanten verziertes Diadem und entschloss sich, dieses Stück dem Kalifen zu zeigen. Am nächsten Tag machte sich Omar auf nach Bagdad. Dazu hatte er sich bei einem Karawanenführer gemeldet und sich vorsichtshalber als Salzhändler ausgegeben.

So machte sich die Karawane auf den Weg nach Bagdad - ein langer Fussmarsch unter heisser Sonne durch Sand- und Steinwüsten stand den Reisenden bevor. Am sechsten Tag wurde die Karawane jedoch von Wüstenräubern überfallen, nur Omar gelang es sich zu retten, indem er sich hinter einer Sanddüne versteckt hielt. Als die Räuber abgezogen waren, blieb Omar nichts als nur sein nacktes Leben, das Diadem, sein Dolch und ein Trinkbeutel aus Ziegenleder, der nur noch halb mit Wasser gefüllt war. Omar dankte und pries Allah für sein Überleben und machte sich dann, geplagt von Hunger und Durst, auf den Weg. Das wenige Wasser reichte allerdings nur für zwei Tage. Und nachdem er sich am dritten Tag mühsam weiter geschleppt hatte, verfiel er abends in einen tiefen Schlaf.

Als er erwachte, befand er sich zu seinem Erstaunen in einem prachtvollen Garten, bevölkert von herrlich duftenden Blumen, nie gesehenen Bäumen und wundervollen farbigen Vögel. «Omar Al Mansour», sprach eine Stimme. Omar schaute sich um, sah aber niemanden. «Omar Al Mansour, du bist hier im Vorgarten des Paradieses. Nur einmal in 499 Jahren erscheint dieser Garten und gibt einem verdurstenden Reisenden die Möglichkeit zu überleben, indem er ein Rätsel löst.» «Was ist, wenn ich das Rätsel nicht lösen kann?», fragte Omar. «Dann wirst du verdursten», sprach die Stimme, «aber nun höre: Noch klarer als ein Kristall, so hart wie Diamant, doch wenn man es erfassen möcht´, ungreifbar mit der Hand.» Hier schwieg die Stimme und Omar sann aufgeregt über des Rätsels Lösung.

Er hörte das Zwitschern der Vögel, das Rauschen der Blätter und das Plätschern des Wassers im Brunnen - das Plätschern... «Es ist das Wasser», sprach Omar. «Rein wie Kristall, hart wie Diamant, es schleift die härtesten Felsen, und man kann es nicht festhalten.» Neben Omar lag plötzlich ein Ast. Es war ein Ast des Zedernbaums. «Spitze mit deinem Dolch diesen Ast und stecke ihn in den Boden, wenn du durstig bist: Sogleich wird glasklares Wasser fliessen», sprach die Stimme.

Auf einmal war alles verschwunden, die Vögel, die Bäume, der Brunnen... und Omar befand sich wieder in der Wüste. Der Ast allerdings lag neben ihm. Er tat wie befohlen und spitzte den Ast mit seinem Dolch, dann stiess er die Spitze in den Boden und siehe da: Klares Wasser begann zu fliessen. So konnte Omar nach Bagdad weiterziehen, wo er am Abend des 29. Tages eintraf.

Am nächsten Morgen begab er sich zum Palast, wo er sogleich zur Audienz empfangen wurde. «Nun», fragte der Kalif neugierig, «was hast du mitgebracht? Nur das Allerkostbarste ist für mich gut genug.» «Grossmächtiger Herrscher, hier ist das Kostbarste, das ich je erschaffen habe», sagte Omar und überreichte dem Kalifen den gespitzten Holzstab. Verwundert betrachtete der Kalif den Stab und fragte dann verärgert: «Das soll das Kostbarste sein, das du zu bieten hast? Wer versucht, mich zu betrügen, wird schwer bestraft!» Omar erzählte nun, was alles passiert war, da leuchtete das Gesicht des Kalifen auf und er sagte: «Ja, Allah hat in seiner unermesslichen Weisheit gezeigt, dass Gold und Edelsteine nicht das höchste Gut sind, sondern dass ohne Wasser alle Schätze dieser Welt wertlos sind. Wasser ist Leben.»

Da der Kalif selber über genügend Wasser verfügte, nahm er Vorlieb mit dem Diamantendiadem und überliess Omar den Wunderstab.

Omar Al Mansour kehrte, vom Kalifen reich beschenkt, nach Damaskus zurück und jedermann, der durstig bei ihm vorbeikam, konnte sich umsonst an dem Wasser laben.

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