Es fällt Jelena Maric (Name geändert) schwer, über die Vergangenheit zu sprechen, die sie nicht loslässt. Der Blick der 24-Jährigen geht ins Leere. Immer wieder stockt sie in ihren Erzählungen, die Gedanken machen Sprünge. Und wenn der Kloss im Hals zu dick wird, erstickt ihre Stimme. Nur vereinzelt bricht ein kurzer Lacher durch. In diesen flüchtigen Momenten erscheint Jelena Maric als anderer Mensch - als junge Frau, die nicht damit leben muss, dass ihr die Kindheit gestohlen wurde.

«Ich war sechs oder sieben, als es begann. Anfänglich beliess es mein Vater bei vagen Berührungen. Ich kann mich erinnern, wie ich dachte: Das muss wohl so sein, schliesslich ist es mein Vater. Doch er bedrängte und betatschte mich immer mehr, verlangte schliesslich, dass ich ihn befriedige. Ich fürchtete mich vor den Momenten, wenn ich allein mit ihm war. Mir wurde bewusst, dass er Grenzen überschritt. Aber ich konnte mit niemandem darüber reden, auch nicht mit der Mutter. Ich hatte kein Vertrauen zu ihr: Sie war eine aggressive Person, die meinen Bruder und mich oft verprügelte. Sie hatte ein kaltes Herz.

Wir stammen ursprünglich aus Serbien, da sind die Familien noch enger zusammen als hier. Uns wurde immer eingetrichtert, dass wir alle Probleme innerhalb der Familie lösen sollten und dass die Welt um uns herum feindselig sei. So war ich in einem geschlossenen System: In der Familie konnte ich mich niemandem anvertrauen, ausserhalb durfte ich nicht. Ich hätte mich auch geschämt, meinen Vater zu verraten. Ich war gefangen. Doch im normalen Leben musste ich ja weiter funktionieren. Deshalb sperrte ich innerlich weg, was mich plagte.

Es war, als wären Wächter in mir drin, die aufpassen, dass nichts von dem nach aussen dringt, wie es mir wirklich geht. Dadurch fühlte ich mich als Kind sehr einsam - niemand kannte mich wirklich. Ich teilte mit niemandem etwas, ausser mit meinem Tagebuch.

Zur Täterin gemacht

Während sechs Jahren wird Jelena regelmässig missbraucht. Erst mit zwölf gelingt es ihr, sich ihrem Vater zu widersetzen. Sie verweigert fortan jegliche Kommunikation mit ihm, zieht sich auch sonst vom Familienleben zurück. Das brave Mädchen, das immer gute Schulnoten nach Hause brachte, wird nach und nach zum «Problem». Man macht Jelena dafür verantwortlich, dass es in der Familie immer mehr Konflikte gibt - erst recht nachdem die Mutter ihr Tagebuch liest.

«Das war das Schlimmste: Ich war die Schuldige, nicht er! Ständig bekam ich zu hören, dass ich mir das alles nur ausgedacht hätte, um der Familie zu schaden. Und ob ich denn wolle, dass der Vater seine Existenz verliere. Lauter solche Sachen. In dieser Zeit fand ich heraus, dass mein Bruder und ich adoptiert waren. Dann hiess es: Wir haben dir ein schönes Leben ermöglicht, und jetzt fällst du uns in den Rücken. So wurde ich vom Opfer zur Täterin gemacht. Meine Mutter weigert sich bis heute, mir zu glauben. Dabei belügt sie sich selber, denn sie hat ihren Mann einmal dabei ertappt, als er an mir herummachte. Aber sie lässt die Wahrheit einfach nicht zu.

Je älter ich wurde, desto mehr begann alles zu bröckeln. Ich spürte, dass ich nicht mehr lange würde schauspielern können. Ich bekam Probleme in der Schule, und in der Familie herrschte Krieg. Meine Eltern übten grosse Macht auf mich aus, hielten mich völlig unter Kontrolle. Mit 16 verliebte ich mich in einen Mitschüler - es war das erste Mal, dass ich Zuneigung für jemanden vom andern Geschlecht empfand. Mein Vater nervte sich darüber. Doch deshalb traf ich mich erst recht mit dem Jungen. Ich wollte meinem Vater zeigen: Hey, du besitzt mich nicht mehr!

Einen Ausweg sieht Jelena Maric, als sie in Freiburg das Studium der Kunstgeschichte aufnimmt, weit weg vom Zuhause im Kanton Zürich. Doch in der vermeintlichen Sicherheit kracht das Gebilde von Verdrängung und Selbstverleugnung, das die junge Frau bisher zum Überleben gebraucht hat, vollends in sich zusammen. Sie leidet unter Lähmungen und Panikattacken, verliert tagelang Stimme und Gehör, ist stark suizidgefährdet: Als 22-Jährige ist sie psychisch und körperlich am Ende. In Therapien beginnt der lange Weg der Verarbeitung - zehn Jahre nachdem die Übergriffe aufgehört haben.

«Es bereitet mir Mühe, mich fremden Leuten anzuvertrauen - zu sehr bin ich bis heute mit allem allein gelassen worden. Doch natürlich hat diese Aussensicht auch ihr Gutes, denn ich sehe jetzt erst richtig, wie viel meine Eltern in mir kaputtgemacht haben. Ich empfinde ihnen gegenüber heute auch Hassgefühle - das habe ich mir früher nie zugestanden.

Wegen dem, was mir angetan wurde, schaffe ich es bis heute nicht, mich richtig auf etwas zu konzentrieren. In meinem Kopf ist zu wenig Platz für das Jetzt, er ist überbeschäftigt mit der Vergangenheit. Ein Psychiater sagte einmal, ich hätte bloss Motivationsprobleme. Das brachte mich zum Weinen. Ich weiss ja, dass der Schlüssel bei mir liegt. Aber man muss doch auch verstehen, dass mir 15 Jahre meiner Jugend fehlen, die wurden mir gestohlen. Ich konnte mich in dieser Zeit so wenig entwickeln. Und nun bin ich in einer Welt gelandet, die für mich vorher gar nicht existiert hat. Das wirft mich um, ich kann fast nicht umgehen damit.

Vater hat beruflich mit Kindern zu tun

Um Boden unter den Füssen zu bekommen, strebt Jelena Maric, die leidenschaftlich gern zeichnet, eine Ausbildung im künstlerischen Bereich an. Die Geschichte ihrer Kindheit verfolgt sie weiter. Nach heutiger Rechtslage dauert es noch knapp ein Jahr, bis die Taten ihres Adoptivvaters - er hat heute in seinem Beruf regelmässig mit Schulkindern zu tun - verjährt sind.

«Für mich ist es ein Blödsinn, die Strafverfolgung vom Alter des Opfers abhängig zu machen. Wieso soll ich mit 26 nicht mehr für meine Rechte einstehen können? Klar, ich könnte nie beweisen, was vor 15 Jahren passiert ist. Ausser mit meinem Zustand, aber das zählt in juristischem Sinn wohl nichts. Dennoch: Wenn es einen Schuldspruch gäbe, wäre das für mich eine grosse Genugtuung. Wenn ein Richter käme und mit dem Finger auf meinen Adoptivvater zeigen würde: Schaut, er ist schuldig! Nicht ich! Das ist es, was ich mir seit je wünsche.

Quelle: Monika Flückiger
Anzeige