Du weisst, Perdita heisst eigentlich Kim-Kay und ist elf Jahre alt. Vielleicht ein bisschen mehr, vielleicht ein bisschen weniger. Es ist Nacht und sie liegt im Bett wie du und drückt, so fest sie kann, die Augen zu. Aber sie weiss, dass sie nicht einschlafen kann. Etwas beschäftigt sie sehr. Den ganzen Tag hat sie deswegen Ärger gehabt. Zuerst am Morgen mit Papa, dann in der Schule mit Augustin, der Lehrerin, und auf dem Nachhauseweg mit ihrer besten Freundin, Olcay. Abends, als Krönung, dann noch mit Mama.

Der Grund ist immer derselbe gewesen. Kim-Kay hat ein Problem. Ein ziemlich grosses. Sie verliert und verlegt andauernd Dinge. Heute das Licht zum Aufstecken ans Fahrrad, das Mathematikbuch, ihren Freundschaftsring, die Handschuhe, die ihre Mutter für sie gestrickt hat. Gestern war es der Zeitungsartikel gewesen, den sie für den Geschichtsunterricht bereitgelegt hatte. Jeden Tag ist etwas weg. Seit sich Kim-Kay erinnern kann, sind ihr Dinge abhanden gekommen. Sie ist so viele Male deswegen ausgeschimpft geworden. Immer wieder hat sie sich geschworen, sich zu bessern, mehr Sorge zu tragen. Aber es ist nicht besser geworden. Im Gegenteil. Alles wird schlimmer, je älter sie wird. Sie hat mehr als genug davon. Sie möchte all das vergessen, einschlafen und an etwas ganz Schönes denken.


Fest presst Kim-Kay die Augen zu und stellt sich den Strand von Griechenland vor, wo sie letzten Sommer zwei Wochen Ferien verbracht hat. Sie kann sich sehr gut etwas vorstellen. Schon steht sie in hellem Licht. Sie hört die Wellen gegen die Felsen schlagen. Sie sieht ihre Fussspuren im Sand. Sie riecht den Tang des Meeres. Am Horizont treibt ein Schiff, das die Richtung ändert und schnell näher kommt. Ein Matrose, der wie Onkel Peter ausschaut, winkt und wirft etwas Langes über Bord. Und knöcheltief im Wasser steht Augustin, die Lehrerin, in einem rot gestreiften Badeanzug.

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Sie scheint sehr aufgeregt. Jetzt wirft sie sich in die Wellen und taucht unter. Eine Möwe schreit. Augustin kommt wieder hoch und in der Hand hält sie das Ende eines dicken Taus. Die tätowierten Muskeln an ihren Oberarmen schwellen an. Sie zieht und reisst am Tau und ruft Kim-Kay zu: «Perdita zieh mit. Perdita, hau ruck.» Und Augustin zieht und zieht am Tau, das immer länger und länger wird. Und Perdita sieht, dass Dinge daran hängen. Mützen, Handschuhe, Pausenbrote und mehr. Alles kommt ihr bekannt vor. Das Mathematikbuch, das hellgrüne Schirmchen, sogar das rosa Velo, das sie mit sechs Jahren zum Geburtstag geschenktbekommen und irgendwo hingestellt und nicht mehr wieder gefunden hat.

Immer mehr verlorene Dinge kommen zum Vorschein: Fünf Asterix-Figuren, die auf die doppelte Grösse angewachsen sind, Pokémon-Karten, ein Gameboy und sogar ein lebendiger Hamster. Und Perdita freut sich. Sie jubelt und hüpft. Alles, was sie je verloren hat, ist wieder da.

Sie rennt auf das Tau mit den verlorenen Dingen zu. Die Möwe schreit. Sie fasst zuerst nach dem rosa Fahrrad. Aber sobald sie es berührt, verschwindet es mit einem leisen «Ploff». Und so geht es mit allen Dingen. Alle zerplatzen wie Seifenblasen und zurück bleibt nichts mehr. Perditas Hoffnung, alles Verlorene wieder zu haben, ist zerstört. Mit Augen voller Tränen sieht sie den letzten Gegenstand, der noch am Tau hängt.

Es ist der Brief, den Grossmama ihr geschrieben hat, bevor sie gestorben ist. Und als sie die Hand nach ihm ausstreckt, fährt ein heisser Wind durch ihre Haare. Der Brief löst sich vom Tau und fliegt davon. Noch streckt Perdita ihre Arme nach ihm aus. Zu spät. Sie kann ihn nicht mehr erhaschen. Er fliegt aufs offene Meer hinaus und ist bald nur noch als Punkt am Horizont zu sehen. Alles ist verloren. Für immer und ewig.

Sie sitzt allein am Strand und schluchzt. Sie ist verloren. Da spürt sie eine Hand auf ihrer Schulter. Und als sie hochschaut, sieht sie in Grossmamas Gesicht. Sie lächelt. «Du bist nicht Perdita», flüstert sie. «Du bist Kim-Kay. Du hast das grosse Glück, alles in dir zu haben, was du brauchst. Du bist sehr klug und kannst dich an alles erinnern, was du je gelernt und erfahren hast.» «Aber ich verliere alles, was mir lieb ist. Sogar deinen Brief habe ich verloren.» «Es ist nur Papier, mehr nicht, liebes Kind», erwidert die Grossmama. «Aber deine Worte, Grossmama, deine Worte im Brief, ich habe sie nicht mehr im Kopf.» «Du brauchst sie nicht mehr. Sie sind längst schon in deinem Herzen angekommen.» Mit diesen Worten entschwindet das Gesicht der Grossmutter. Perdita sieht wieder das Meer vor sich. Es ist ganz klar wie ein Spiegel. Perdita schaut hinein und sieht Kim-Kay. Und jetzt weiss sie, wer Kim-Kay ist.

Die Mutter deckt Kim-Kay zu, legt nochmals ihre Hand auf die Stirn ihrer Tochter. Sie seufzt und lächelt dann. Kim-Kay schläft tief und fest.

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Quelle: Jupiterimages