Beobachter: Herr Neuenschwander, wenn dieses Gespräch erscheint, sind Sie wieder unterwegs von Belp nach Benin. Wird es eine Reise nach Hause oder von zu Hause weg?
Peter Neuenschwander: Ich bin es mittlerweile gewohnt, dass ich an zwei Orten ein Daheim habe. Aber hier in der Schweiz habe ich einfach nicht viel zu tun. Manchmal schaue ich zwar zu den Enkeln, und meine Frau meint, ich könnte ja hier etwas anreissen, aber in Afrika habe ich so viel zu erledigen. Und ich bin ja erst 63…

Beobachter: Als Spezialist für biologische Schädlingsbekämpfung haben Sie jahrelang das International Institute of Tropical Agriculture (IITA) in Benin geleitet. Weshalb hat es Sie gerade dorthin gezogen?
Neuenschwander: Wenn jemand Unterstützung benötigt, dann Afrika. Und mit biologischer Schädlingsbekämpfung kann man dort wirklich helfen. Es ist zudem eine Hilfe, die weder von der Administration noch von der Korruption zerstört werden kann. Wir haben in Ländern gearbeitet, wo Krieg herrschte, aber das tut unseren Tierchen nichts. Bei jeder anderen Tätigkeit fängt man nach dem Krieg oft wieder bei null an.

Beobachter: Was trafen Sie denn an, als Sie Anfang der achtziger Jahre nach Afrika kamen?
Neuenschwander: Sorgen machte damals vor allem eine aus Südamerika eingeschleppte Schmierlaus, die den Maniok bedroht, ein Grundnahrungsmittel in weiten Teilen Afrikas. Man befürchtete eine Hungersnot. Als ich 1982 ans IITA kam, hatte man gerade einen neuen Nützling gefunden, eine Wespe, mit der man diese Schmierlaus bekämpfen konnte. Wir bauten dann Zuchtstationen auf, damit wir die Wespe für ganz Afrika produzieren konnten, und untersuchten die Biologie und die Ökologie der Tiere. Innerhalb von knapp vier Jahren war die Gefahr einer Hungersnot gebannt.

Beobachter: Sie sind in ganz Afrika herumgekommen…
Neuenschwander: Wo die Schmierlaus hinging, ging auch ich hin. Ich brachte Wespen hin, bildete Leute aus und kehrte mehrere Male zurück, um zu kontrollieren. Ich arbeitete in Zaire, in Tansania, in Malawi, in ganz Westafrika - ach, in fast jedem afrikanischen Land.

Beobachter: Und Ihre Familie ist ständig mitgezogen?
Neuenschwander: Unser erstes Kind kam in Amerika zur Welt, zwei in Bern und eines in Griechenland. Nach meinem ersten Afrika-Engagement blieb meine Frau schliesslich wegen der Schulpflicht der Kinder in der Schweiz. Sie und die Kinder kamen dann immer im Frühsommer nach Afrika und blieben bis nach den Herbstferien. In der Zwischenzeit reiste ich jeweils noch zweimal in die Schweiz. Als ich in Benin lebte, besuchten wir uns dann häufiger.

Beobachter: Sie kamen als gut ausgebildeter weisser Wissenschaftler nach Afrika. Lebt man da im sprichwörtlichen Elfenbeinturm?
Neuenschwander: Die Gefahr besteht schon. In Nigeria, wo ich zuerst am IITA tätig war, lebte man aus Sicherheitsgründen in einem Campus. Wir hatten 1'000 Hektaren umzäuntes und bewachtes Land, und trotzdem gab es immer wieder Diebstähle und Überfälle. Nach Lagos konnte man manchmal nur im Konvoi, mit Security. Das war schon ein Elfenbeinturm. Aber der Hauptteil meiner Arbeit fand draussen statt, bei den Bauern auf dem Feld, und so störte mich das abgeschirmte Leben auf dem Campus nicht.

Beobachter: Wie reagierten Ihre afrikanischen Partner auf den weissen Wissenschaftler?
Neuenschwander: Nicht immer positiv. Einmal sagte mir ein senegalesischer Ingenieur, ich sei ja nur in Afrika, weil ich in der Schweiz keine Stelle gefunden hätte.

Beobachter: Und was antworteten Sie dem Mann?
Neuenschwander: Ich war zuerst einfach schockiert, aber der Mann hatte wohl sogar Recht: Wenn man mal eine Zeit lang weg ist, findet man in der Schweiz keine Stelle mehr. Die meisten Europäer, die heute am IITA arbeiten, wollen deshalb nur für kurze Zeit bleiben. Afrika im Lebenslauf zu haben sieht gut aus, aber wer zu lange dableibt, hat ein Problem bei der Jobsuche in Europa.

Beobachter: Gab es für Sie neben dem Beruflichen noch etwas, was Sie in Afrika hielt?
Neuenschwander: Ich bin halt einfach ein Vollblutbiologe, und da ist man in Afrika mit seiner Artenvielfalt gut dran. Und ich mag die freundlichen und fröhlichen Leute.

Beobachter: Sie machten ja dann den Schritt aus dem Campus hinaus.
Neuenschwander: Nach fünf Jahren war in Nigeria Schluss, und unsere Forschergruppe zügelte nach Cotonou in Benin. Dort wohnte ich zuerst in einer Kleinstadt und zog dann nach Drabo, einem kleinen Dorf mitten im Busch, 30 Kilometer nördlich von Cotonou.

Beobachter: Und wie kam es dazu?
Neuenschwander: Das war purer Zufall. Ich hatte einen Koch, und der wollte mir eines Tages unbedingt ein Stück Land zeigen. Darauf gab es auch ein kleines Stück Wald, 20 mal 20 Meter, und das hat mir den Ärmel hereingenommen. Ich kaufte zwei Hektaren Land, liess mir ein kleines Haus bauen, kündigte die Wohnung in der Stadt und zog ins Dorf.

Beobachter: Waren Sie denn dort als Weisser willkommen?
Neuenschwander: Ja, das ist nicht wie in der Schweiz. Die Leute sind offen. In der Schweiz misst man die Leute ja nur noch daran, wie gut sie angepasst sind, aber es erwähnt niemand mehr, was die Fremden auch beitragen zu unserer Kultur. In Benin stört diese kulturelle Vielfalt niemanden. Natürlich wollen alle profitieren vom Weissen, und das ist im täglichen Leben nicht immer so einfach.

Beobachter: Was sind die konkreten Schwierigkeiten?
Neuenschwander: Der Neid. Die Leute sind unwahrscheinlich neidisch.

Beobachter: Auf Sie?
Neuenschwander: Nein, nein, auf diejenigen, die von mir profitieren können. Ich habe zwei Angestellte: einen Gardien, der nebenan wohnt, der hat vier Frauen und fünf Kinder, die oft bei mir sind. Dann habe ich noch jemanden, der mir die Einkäufe aus der Stadt bringt und den Haushalt besorgt. Ich bezahle zudem einigen Kindern und Jugendlichen Schulgelder oder das Geld, das sie für die Berufslehre aufbringen müssen. Einem finanziere ich ein Studium, und vielen helfe ich bei den Arztkosten.

Beobachter: Sind Sie also eine Art Wohltäter fürs Dorf?
Neuenschwander: Das ist jetzt aber ein sehr grosses Wort. Ich versuche, meinen Teil zur Entwicklung dieses Dorfes beizutragen. Deshalb kaufte ich noch mehr Land - mittlerweile sind es etwa zwölf Hektaren - und mache daraus ein Naturschutzgebiet. Den Wald gab ich mit einem grossen Fest dem Voodoo zurück. Das ist die einzige Möglichkeit, einen gewissen Schutz der Natur zu garantieren.

Beobachter: Der Voodoo-Priester schützt also den Wald?
Neuenschwander: Das ist nicht so personalisiert, es gibt zwar einen Voodoo-Priester, aber ich gab das Land dem Voodoo zurück.

Beobachter: Was muss ich mir denn unter einem Voodoo vorstellen, einen Geist?
Neuenschwander: Der Voodoo kann sich in allem Möglichen manifestieren. Auf meinem Land steht zum Beispiel - mitten im Dorf - ein so genanntes Legba, eine Figur aus Lehm mit einem riesengrossen hölzernen, rot bemalten Penis. Sie verkörpert den Voodoo. Bei diesem Legba werden nächtliche Feste gefeiert. Dort macht man Musik, redet viel und trinkt auch viel. Bei diesen Zusammenkünften bin ich immer der einzige Weisse.

Beobachter: Machen Sie bei den Voodoo-Bräuchen mit?
Neuenschwander: Ja, ich wurde in den Kult aufgenommen. Das ist eine Art Geheimbund, dem alle erwachsenen Männer des Dorfes angehören. Benin ist das einzige Land auf der ganzen Welt, in dem Voodoo Staatsreligion ist, neben Christentum und Islam.

Beobachter: Ihre Arbeit als Wissenschaftler ist analytisch und rational, aber Sie wohnen in einem Dorf, wo eine Naturreligion praktiziert wird. Liegen da nicht Welten dazwischen?
Neuenschwander: Mich stört das nicht. Auf der einen Seite macht man es so, auf der anderen Seite hat man halt ein ganz anderes Weltverständnis. Ich bin aus einem ganz praktischen Grund hier: Ich will den Leuten helfen und die Natur schützen. In meinem Wald leben Rehe, Aguti - eine Art Murmeltiere -, Marder, riesige Echsen, Affen, Nachtaffen, Ratten, Schlangen und seltene Pflanzenarten - das möchte ich schützen. Mein Effort schlägt sich langsam nieder. Ich habe erste Besucher, vor allem wegen meiner «Affli», die wild im Wald leben. Diese Rotbauchaffen sind die seltenste Affenart in Afrika. Ich halte ein paar Pärchen in grossen Käfigen. Heute kommen deren Junge, die durchs Gitter entwichen sind, mit den eigenen Jungen an der Brust aus dem Wald zurück zum Haus, wo sie gefüttert werden.

Beobachter: Sie leben also in einem kleinen Paradies.
Neuenschwander: Ja, ja - für einen Biologen. Oft ist ja das, woran man Freude hat, klein, man muss sich da nichts vormachen. Es ist ein anderes Leben als in der Stadt − kein WC, keine Strassen, keine Polizei. Die kommt ja auch nicht, die Probleme werden selbst gelöst.

Beobachter: Und wie läuft das ab?
Neuenschwander: Ein Beispiel: Kürzlich wurde im Dorf fast jede Woche ein Schaf gestohlen, und jeder wusste, dass die Diebe nur Mitglieder einer bestimmten Familie sein konnten. Da redeten die Männer des Dorfes während einer Woche jeden Abend zusammen und schrien, bis die Sache geregelt war.

Beobachter: Mit welchem Resultat?
Neuenschwander: Die Diebe wurden von ihrem Vater verteidigt, einem alten Mann. Und weil das Alter in Afrika hoch geachtet wird, kamen seine Söhne ohne Strafe davon. In einem kleinen Dorf muss man einander vergeben können. Auch ich wurde bestohlen, und der Dieb ist heute ein guter Freund von mir.

Beobachter: Was ist Ihre Rolle in einem solchen Palaver?
Neuenschwander: Ich habe dabei keine Funktion. In einem grossen Palaver sitze ich jeweils wie eine Fliege an der Wand und schaue zu und amüsiere mich.

Beobachter: Müssen Sie denn dabei sein?
Neuenschwander: Nein, ich will, ich bin ja Teil des Dorfes.

Beobachter: Wie reagieren Ihre Wissenschaftskollegen, wenn Sie erzählen, wie und wo Sie wohnen?
Neuenschwander: Sie sagen, jedem das Seine. Die einen wohnen lieber in der Stadt, ich auf dem Land.

Beobachter: Und wenn Sie mal Besuch haben?
Neuenschwander: Ich habe viel Besuch. Als ich meinen Wald - oder kürzlich ein Jugendhaus - einweihte, lud ich viele Leute ein. Und die kamen. Das macht im Dorf schon Eindruck.

Beobachter: Und wie reagieren die Besucher von aussen?
Neuenschwander: Den meisten gefällt es enorm gut. Ich hatte schon beninische Minister und hohe Beamte bei mir, die begeistert waren. Die haben mich angefragt, ob ich mein Land für ein offizielles Naturreservat hergeben würde. Das würde die Nachhaltigkeit meines Engagements garantieren. Sonst werden die Bauern mein Land innerhalb von ein paar Tagen abholzen und wieder bebauen, wenn ich sterbe. Ich hoffe natürlich, dass mein Beitrag ihnen bis dann erlaubt, mit Ökotourismus zusätzlich Geld zu verdienen.

Beobachter: Was werden Sie in Benin als Erstes tun?
Neuenschwander: Mich um mein Haus kümmern. In den Tropen geht viel kaputt in ein paar Monaten, da kann man noch so gute Leute haben. Und dann werde ich natürlich nach meinen Affli und dem Wald schauen müssen.

Wissenschaftler und Praktiker

Peter Neuenschwander, 63, kam Anfang der achtziger Jahre an das International Institute of Tropical Agriculture (IITA) in Ibadan (Nigeria), leitete danach jahrelang das IITA in Benin. Der Zoologe mit Ausbildung in Bern und Berkeley (USA) war massgeblich an den Arbeiten beteiligt, für die sein damaliger Vorgesetzter Hans Ru-dolf Herren 1995 den «World Food Prize» erhielt: Schmierläuse gefährdeten grosse Teile der Maniok-Ernte. Dadurch drohte in weiten Teilen Afrikas eine Hungersnot, die dank den vom IITA ausgesetzten Nützlingen verhindert werden konnte. Seit der Pensionierung im Jahr 2003 lebt Neuen­schwander in der Schweiz und in Benin. Mit einem Buch will er – zusammen mit Kollegen aus Benin – auf gefährdete Tier- und Pflanzenarten aufmerksam machen.

Quelle: Annette Boutellier
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