Das Häufchen unter dem angewehten Schnee in einer Fensternische im bündnerischen Samedan blieb von den Passanten unbemerkt. Dem aufmerksamen Blick der 46-jährigen Hotelfachfrau Brigitte «Gitti» Worschech hingegen entging das verschneite Bällchen auf ihrem Heimweg nicht. Bei näherem Hinsehen entdeckte sie die starren Flügelchen und Füsschen eines durchgefrorenen Jungvogels, der einzig mit Kopf und Schnabel noch versuchte, sich durch den Schnee zu bohren. Die naturverbundene Hobbybergsteigerin trug das geschwächte Tier in ihrem Einkaufskorb nach Hause.

«Ich hatte keine grosse Hoffnung, den Vogel zu retten», besinnt sie sich. Aber jedes hilflose Geschöpf verdiene Zuwendung: «Für mich gibt es im Leben keine Zufälle.» Heute, fünf Jahre später, schwirrt und gurrt es in der Wohnung von Gitti Worschech und ihrem langjährigen Lebenspartner Bruno Waldvogel in Lü, der höchstgelegenen politischen Gemeinde der Schweiz.

Identifizierung per Schallplatte

Nicht zum ersten Mal haben die beiden einen ausgemergelten Vogel zu Hause aufgepäppelt, um ihn wieder freizulassen. «Wir haben einen Blick für Natur und Tiere», sagen sie übereinstimmend. Diesmal war aber alles anders, verrückt, fantastisch und unglaublich spannend. Wie gewohnt versorgte Gitti den Vogel mit ölgetränkten Haferflocken und Vitaminwasser. Tatsächlich kam Schnecki, wie die flaumige Handvoll wegen ihres anfänglich langsamen Hüpfgangs liebevoll gerufen wurde, bald zu Kräften und wieder auf die Füsse. Das Vögelchen wurde immer zutraulicher und startete nach einer Woche die ersten Flugversuche in der ihm vertraut gewordenen Umgebung.

Gitti entfernte wie bei Kleinkindern alle möglichen Gefahrenquellen in der Wohnung. In Grösse und Gefieder sah der Vogel einer Amsel ähnlich. Aber sein Gang zeigte typische Bewegungen einer Taube. Das kleine Federvieh hatte aber bis jetzt noch nicht den leisesten Laut zur Identifikation von sich gegeben. So begannen Gitti und Bruno, Schnecki in den verschiedensten Tönen vorzugurren. Vergeblich. Erst eine Schallplatte mit authentischen Taubenstimmen half dem Zögling – und seinen Betreuern – auf die Sprünge: Auf die Töne einer Türkentaube reagierte Schnecki mit einem zaghaften Piepsen.

Fütterung von Mund zu Schnabel

Von nun an war es für die Taubeneltern mit der Ruhe vorbei. «Am Anfang standen wir hilflos da», sagen sie. Sie waren mit Schneckis Taubenlatein am Ende und fanden auch keine entsprechende Literatur über eine Kommunikationsmöglichkeit. Mit Einfühlungsvermögen, Geduld und Fantasie gelang es ihnen, die unterschiedlichen Gurr-, Grunz- und Krächztöne zu entschlüsseln, von Angst bis Unmut, von Schmusen bis Schnarchen. «Dadurch lassen wir uns heute ganz schön um den Finger wickeln», sagt Bruno Waldvogel.

Nach einem Monat stolzierte Schnecki als veritable Türkentaube mit dem typischen schwarzen Nackenring durch die Wohnung von Gitti und Bruno. Der Zeitpunkt war gekommen, das Tier in die Freiheit zu entlassen oder einem Taubenzüchter anzuvertrauen. Doch Schneckis Füsschen waren durch die Erfrierung deformiert, und das Tier blieb kleiner und weniger kräftig als seine Artgenossen. Für die Taubeneltern ein untrügliches Indiz, dass der Findelvogel in der freien Wildbahn bald einem Fuchs oder einem Falken zum Opfer fallen würde. «Wenn wir Schnecki retten wollten, mussten wir ihn behalten», sagt Taubenmutter Gitti. Dass Türkentauben bei guter Haltung 20 Jahre alt werden können, war beiden bewusst. Die Anschaffung einer Voliere kam jedoch nicht in Frage. Der frei geborene Wildvogel sollte in der Dachwohnung die grösstmögliche Freiheit geniessen.

Ob Schnecki um seine geringen Überlebenschancen in der freien Natur weiss? Oder bleibt das Tier seinen Lebensrettern aus Dankbarkeit treu? «Wer kann schon wie ein Vogel denken?», sinniert die ehemalige Kindergartenleiterin. Jedenfalls hat Schnecki selbst bei offenem Fenster noch nie den geringsten Versuch gestartet, auszureissen. Im Gegenteil: Der Vogel will bis heute täglich von seiner Amme wie ein Baby von Mund zu Schnabel gefüttert und abends in seinem mit Tüchern ausstaffierten Nest auf einem Kissen zu Bett getragen werden – im Schlafzimmer.

«Eine göttliche Fügung»

Mittlerweile hat sich Schnecki Plätze zum Fressen, Schmusen, Schlafen, Wachen, Baden und Koten auserwählt. «Ohne die immer wiederkehrenden Rituale läuft nichts», sagt Taubenmutter Gitti. Nur so fühle sich das Tier geborgen und sicher. Die Wohnung ist taubengerecht eingerichtet – mit Schutzplatten für den Keramikherd. Die Böden werden täglich gewischt, Füsse und Gefieder regelmässig desinfiziert. Schnecki betrachtet die vier Wände als sein Territorium und verteidigt es gegen Fremde mit Geschicklichkeit und Vehemenz. Dunkel gekleidete Personen attackiert er mit Sturzflügen und wildem Hacken auf dem Kopf.

«Schnecki ist weder unser Spielzeug noch unser Besitz», betonen die Taubeneltern. Gitti sieht im Zusammentreffen mit dieser Taube im Nachhinein eine göttliche Fügung. Schnecki symbolisiert Überlebenswillen, Ausdauer, Dankbarkeit und Liebe – auch wenn es «nur eine Taube ist». Gitti möchte diese Erfahrung in einem Kinderbuch weitergeben. Seit je steht die Taube als Pfingstsymbol für den Heiligen Geist. Das Alte Testament berichtet von der Taube, die Noah aussandte und die mit einem Palmzweig im Schnabel zurückkehrte – und dadurch nach der Sintflut Hoffnung auf trockenes Land verhiess. Seit Jahrtausenden gilt die Taube als Sinnbild für Frieden und Versöhnung. Picassos Friedenstaube ist nicht nur in der Kunstwelt ein Begriff. Dass der verstorbene Papst Johannes Paul II. bei seiner 100. Auslandreise nach Kroatien 2003 eine weisse Taube im Gepäck hatte, bleibt unvergessen.

«Für mich gibt es im Leben keine Zufälle», wiederholt Gitti. Kein Wunder, dass ihr vor zwei Jahren noch eine fünf Monate alte verstossene Pfauentaube in Pflege gebracht wurde. Das Tier war völlig verängstigt, mit Biss- und Kratzwunden übersät und hatte gestutzte Flügel- und Schwanzfedern. Belinda, so der Name der weissen Täubin, wurde geduscht und desinfiziert. Um auf Schränke oder Äste von Pflanzen heraufzukommen, brauchte sie Hilfe. Die Stimmen und Berührungen wurden ihr immer vertrauter, und glücklicherweise kam sie auch Schnecki nicht ins Gehege. Belinda fühlt sich mittlerweile bei Gitti und Bruno so täubisch wohl, dass sie Ei um Ei legt, mit Gitti, zum Täuberich mutiert, schmust und auf ihre «Geburtshilfe» zählt. «Die Tiere geben uns viel», sagt Gitti. «Wir nehmen jede Stunde mit ihnen als Geschenk an, so wie sie uns geschenkt wurden.»

Quelle: Archiv
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