Das solothurnische Schönenwerd startete die Auslagerung des Sozialamts an eine private Firma mit einem blauen Brief: Erna Berger, 60, gemäss Arbeitszeugnis der Gemeinde «eine ausserordentlich tüchtige Mitarbeiterin», erhielt die Kündigung. Ein schwerer Schlag für die Kauffrau mit viel Erfahrung im Sozialbereich: «In meinem Alter ist es natürlich schwierig, wieder eine Stelle zu finden», sagt sie.

Berger wäre gewillt gewesen, ihre bisherige Arbeit künftig für die ABS Betreuungsservice AG in Pratteln BL zu leisten. Ihr «Vergehen»: Die Lohneinbusse von gegen 400 Franken für den 60-Prozent-Job sowie die weit schlechteren Sozialleistungen lehnte sie ab; zudem äusserte sie sich negativ über die geplante Privatisierung. Folge: Die Stelle auf dem Schönenwerder Sozialamt bestand nicht mehr, die ABS stellte Erna Berger nicht ein. «Sie ist kein Opfer, da ihr die Möglichkeit für eine Weiterarbeit angeboten wurde», sagt Gemeindepräsident Peter Hodel.

Schönenwerd übergab die Fälle seines Sozialamts 2004 der ABS Betreuungsservice AG, weil die Kosten zunehmend aus dem Ruder liefen. Zur Blütezeit des einst ortsansässigen Bally-Konzerns wurden in der Gemeinde viele günstige Wohnungen errichtet. Peter Hodel: «Das zog Menschen mit tiefem Einkommen an. Doch werden diese arbeitslos, melden sie sich früher oder später beim Sozialamt.» Mit der Auslagerung wollte der Gemeinderat die Beratung der Sozialhilfeempfänger verbessern, aber auch Geld sparen.

Doch schon im ersten Jahr beliefen sich die Kosten auf rund 500’000 Franken - über 100’000 Franken mehr als budgetiert. Gleichwohl lobt Hodel die Leistungen der ABS, er schränkt aber gleichzeitig ein, die Zusammenarbeit sei nicht in Stein gemeisselt. Man habe vor der Privatisierung eine Zusammenarbeit mit Nachbargemeinden ins Auge gefasst, doch diese seien damals noch nicht bereit gewesen. Schönenwerd halte sich diese Option aber nach wie vor offen.

Nicht alle Gemeinden sind begeistert

Ungeachtet der finanziellen Konsequenzen sind Fachleute gegenüber der Privatisierung im Sozialbereich skeptisch. Georges Köpfli, Dozent an der Hochschule für soziale Arbeit Zürich: «Staatspolitisch gesehen ist das für mich eine öffentliche Aufgabe, die sich aus Verfassung und Gesetz ableitet.» Und Olaf Wirtz, Vorsteher des Sozialamts Derendingen SO, schlägt in die gleiche Kerbe: «Privatfirmen geht es primär ums Geld - erst in zweiter Linie kommt die Betreuung von Menschen, die in Schwierigkeiten stecken.»

Einige Gemeinden haben sich denn auch bereits wieder verabschiedet von der Auslagerung. Zum Beispiel Härkingen SO. Die 1'240-Seelen-Gemeinde holte die ABS als Feuerwehr, weil die Mitarbeiterin, die das Sozialamt nebenbei führte, erkrankt war. «Die ABS leistete gute Arbeit», sagt Gemeindepräsident Markus Hofer, «aber die Firma betrieb einen zu grossen Aufwand.» Heute ist das Härkinger Sozialamt dem Zweckverband Thal-Gäu angeschlossen - eine professionelle und erst noch günstige Lösung.

In Pratteln mit rund 15’000 Einwohnern verschlang die Teilauslagerung des Sozialamts an die ABS satte 380’000 Franken mehr als budgetiert. Mit ein Grund, das Engagement der Firma stark zu reduzieren. «Die ABS wurde nach Fällen und Zeitaufwand bezahlt, doch das Kostendach fehlte», sagt die Sozialamtsleiterin Ursula Wälti. Die Gemeinde sei zwar froh gewesen, die Dienste des Unternehmens beanspruchen zu können, nachdem zwei Mitarbeiterinnen das Sozialamt verlassen hatten. Gleichwohl sei es ein Fehler gewesen, diesen Vertrag zu unterzeichnen.

Für ABS-Geschäftsleiter Ernst Klauser erfolgte die Trennung in beiden Fällen im besten Einvernehmen. «Das ist eben gerade unsere Stärke, dass wir bei Engpässen einspringen können», erklärt er. Die Gemeinden könnten bei seiner Firma aus einem breit gefächerten Angebot wählen: Auslagerung der ganzen Abteilung, Teilauslagerung, Reorganisation einer Abteilung oder Führung für eine gewisse Zeit seien nur einige Möglichkeiten. Das Beispiel Pratteln, wo die ABS den Asylbereich nach wie vor führe, belege seine Aussage.

Fehlt ein Zweckverband wie im solothurnischen Thal-Gäu, kann es sich finanziell durchaus lohnen, einen kommerziellen Anbieter einzuschalten. «Wir sind eine Gemeinde mit gut situierten Einwohnern und wenigen Sozialhilfeempfängern», sagt Elisabeth Schneider, Gemeindeverwalterin von Biel-Benken BL. Eine Sozialarbeiterin oder ein Sozialarbeiter mit einer 20-Prozent-Anstellung würde für die 3000 Einwohner genügen - doch für ein derart kleines Pensum finde man keine qualifizierten Leute. «Die ABS hingegen kann ihre Sozialarbeiter noch in anderen Gemeinden einsetzen», so Schneider.

Vor allem den Asylbereich privatisiert

Kein Zufall ist es auch, dass verschiedene Gemeinden den Asylbereich ausgelagert haben. Denn die Zahl der Asylbewerber schwankt stark - die Sozialarbeiter von privaten Unternehmen können auch in diesem Fall für mehrere Gemeinden gleichzeitig tätig sein. So betreut die ABS je 60 bis 70 Asylbewerber in den Aargauer Gemeinden Kaiseraugst und Möhlin. «Wir geben der Firma die Entschädigungen, die wir vom Kanton erhalten, eins zu eins weiter», sagt Roger Erdin, Gemeindeschreiber in Möhlin. «Das ist für uns kostenneutral, und die Asylbewerber sind gut betreut.»

Die drei Solothurner Gemeinden Zuchwil, Gerlafingen und Luterbach sind ihrerseits mit der GeKom GmbH eine Zusammenarbeit eingegangen: Die Sozialarbeiter dieses Solothurner Unternehmens sind zuständig für die zeitaufwändigen Beratungen. «Arbeitslose und Ausgesteuerte, die mit fachmännischer Beratung gute Chancen haben, wieder im Arbeitsmarkt Fuss zu fassen, werden von der GeKom betreut», sagt Gilbert Ambühl, Gemeindepräsident von Zuchwil. «Die Überweisung allfälliger Gelder der Sozialhilfe übernehmen wir.» Auch die weniger beratungsintensiven Fälle betreut die Gemeinde selbst.

Für Urs Mühle, Sozialarbeiter bei der GeKom, ist die ungewohnte Arbeitsteilung ein Volltreffer: «Die Erfahrung zeigt, dass die Beratung besser verläuft, wenn keine Geldfragen mitspielen. Sonst kann der Eindruck entstehen, die Berater würden auch über Sanktionen entscheiden.»

Georges Köpfli indes hält dagegen, dass diese Arbeit für die Gemeindeangestellten frustrierend sein müsse: «Diese Mitarbeiter können ja nie jemandem eine Stelle vermitteln - das Erfolgserlebnis bleibt aus.»

Quelle: Derek Li Wan Po
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