Micha Lewinsky, 35, Drehbuchautor und Regisseur in Zürich

Als ich neun Jahre alt war, gründete ich mit einem Freund eine Band. Wir schrieben mit Heimorgel und Gitarre ein erstes Lied und waren sehr stolz darauf. Wir spielten «Band», so wie andere Kinder Pilot oder Räuber spielen. Der Unterschied war, dass die Erwachsenen mitgespielt haben - auf eine Art, die uns total überraschte: Sie nahmen unsere Band ernst und buchten uns sogar für Auftritte. Diese Erfahrung wirkt bis heute nach. Ich habe bei meiner Arbeit oft das Gefühl, dass ich eigentlich nur spiele. Das Produzieren von CDs, das Drehbuchschreiben - und jetzt auch das Regieführen. Immer wieder kommt es mir vor, als ob ich das alles nur spielen würde.

Ein Kind muss man nie zwingen, sich aufs Spielen zu konzentrieren. Es kann gar nicht anders. Als Erwachsener ist es leider nicht ganz so einfach. Oft fällt es mir unglaublich schwer, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Dann muss ich mich fragen, wie ich die Geschichte, die ich erzähle, für mich selber interessanter machen kann. So dass sie mich packt, wie mich als Kind ein Spiel gepackt hat.

Ich werde natürlich oft gefragt, wie es für mich ist mit Charles Lewinsky als Vater, der als Autor ja etwas Ähnliches macht wie ich. Früher war es wirklich nicht immer einfach. Als ich mit Schreiben angefangen habe, war ich öfters frustriert - ich brachte es in einer Woche auf eine Seite, mein Vater schrieb in der Zeit ein halbes Buch. Heute weiss ich, er ist ein anderer Mensch. Ich könnte keinen Roman wie «Melnitz» schreiben, handkehrum hätte er keinen Film wie «Der Freund» machen können. Ich bin stolz auf das, was er macht, ohne mich messen zu müssen. Und ich weiss, dass er stolz auf mich ist. Wie es sich für einen Vater gehört.

Jeder Mensch hat Eltern. Die Beziehung zu ihnen bestimmt zu einem grossen Teil, wer du wirst. Und wie einfach es dir fällt, dich von ihnen zu emanzipieren. Wenn ich für einen Film Figuren erfinde, dann überlege ich immer auch, wer ihre Eltern sind. In «Der Freund» geht es stark um Familienbeziehungen und Ablösung. Es gibt zwei Schwestern, Nora und Larissa, die gegenüber ihren Eltern in einer Konkurrenzsituation bleiben. Während des Drehs ist uns bewusst geworden, dass Nora, wenn sie mit ihrer Mutter streitet und unter Druck gerät, immer wieder ins Teenageralter zurückfällt. Sie verhält sich plötzlich wie eine Zwölfjährige, obwohl sie sonst in ihrem Leben, wenn sie weg von zu Hause ist, eine selbstbewusste, erwachsene Frau ist.

Wir würden doch alle gerne von uns sagen: «Ich bin ein selbständiger Mensch mit starken Wurzeln.» Wir wünschen uns Eltern, die uns lieben, aber selbständig sein lassen. Die uns nicht festhalten. Kritik hat ja auch etwas Einengendes. Ich glaube, ich habe da Glück gehabt: Meine Eltern gaben mir Rückhalt, ohne mich zu behindern. Als Kind bin ich sehr viel gelobt worden, für jedes noch so schreckliche Bild, das ich gemalt habe. Das führte wohl zu einem leicht übersteigerten Selbstwertgefühl - was nicht so schlecht ist, wenn man musiziert und schreibt. Es hat zu einem positiven Antrieb geführt: Tief drinnen weiss ich, dass ich «es» schon kann. Dass ich, wenn ich nur genug lang arbeite, für meine Arbeit auch Lob bekommen werde. Das birgt die Gefahr, träge zu werden. Vielleicht führt es auch nicht zwingend zum besten Resultat. Aber es ist wohl doch angenehmer als das Gefühl des negativen Antriebs: Wer tief drinnen glaubt, «es» nicht zu können, lernt früh, doppelt so hart zu arbeiten, um nicht unterzugehen.

Natürlich gibts nicht nur Lob. Aber heute muss eher ich aufpassen, dass ich nicht plötzlich viel kritischer mit meinen Eltern bin, als sie es mit mir je waren.

Sabine Witkowski, 49, Verlagsleiterin und Kuratorin in Luzern

Bestimmte Bilder lösen bei mir ein Gefühl von Geborgenheit aus. Das passiert mir auch, wenn ich mit meiner Schwester auf dem Sofa sitze, Arm in Arm, ohne zu sprechen. Das fühlt sich richtig physisch an, nach totaler Sicherheit und Entspanntheit - wie ein kleines Tier. Alle Instinkte sagen: runterfahren, keine Gefahr. Mir ist erst jetzt bewusst geworden, dass wir das in unserer Gegenwart immer hatten, meine Schwestern und ich. Auch wenn wir uns noch so stritten. Am stärksten ist es heute, wenn wir einfach nur nebeneinandersitzen.Das geht mittlerweile gut. Früher hätten wir immer gedacht, wir müssten jetzt doch noch diskutieren, die anderen auf den richtigen Weg bringen, der natürlich der eigene ist. Wir sind preussisch erzogen, gelobt wurde nicht. Mein Vater sagte immer: «Indianerherz kennt keinen Schmerz, was euch nicht tötet, macht euch härter.» Er war ein Kindskopf, der zu viel Alkohol getrunken hat. Dass ein Vater nicht zuverlässig ist, nicht recht präsent - das spürst du als Kind. Und es bleibt - als eine Unsicherheit, auch in Paarbeziehungen. Was aber auch bleibt, sind die Werte, die die Eltern vermitteln. Bei uns waren es Hilfsbereitschaft, Offenheit, Ehrlichkeit.Der andere, der mich stark prägte, war mein Grossvater. Er war Tischler, ich sein erstes Enkelkind. Er hat mich oft in die Tischlerei mitgenommen. Dort sass ich am Schreibtisch und spielte «Arbeiten». Mein Grossvater war ein grosser Träumer - und der Einzige in unserer Familie, der sich für Kunst interessierte. Die Bilder von Emil Nolde, die ich im Museum gesehen habe, wo er manchmal zu tun hatte, die habe ich nie vergessen - diese wahnsinnigen Gnom-Bilder, da überkam mich immer so ein kindliches Gruseln. Wenn ich heute diese Bilder wieder sehe, fühle ich mich in diese Zeit und in dieses Gefühl zurückversetzt. Mein Interesse für Kunst schreibe ich klar meinem Grossvater zu, die Liebe zu Materialien, Formen, Bildern.Die Erwachsenen fanden mich unmöglich, weil ich nicht mit den Puppen gespielt habe, sondern ihnen Häuser und Schiffe baute. Für meinen Vater passte auch nicht ins Bild, dass ich später aufs Gymnasium ging. Das fand er für ein Mädchen total überflüssig. Gleichzeitig hat er uns immer gesagt: «Was die Jungs können, das könnt ihr schon lange.» Und ja, man glaubt natürlich, was die Eltern sagen. Das hatte zur Folge, dass mein Vater seine drei Töchter aus Versehen zu emanzipierten Frauen erzog. Bis heute trage ich dieses Gefühl in mir: Was Männer können, kann ich schon lange.Aber ich kenne auch das andere, die Angst vor Aggression zum Beispiel. Es gibt Situationen, die mich an die Schläge, die ich als Kind kassiert habe, erinnern. Noch bis vor kurzem reagierte ich in Situationen, in denen mich jemand kritisierte, mit Abwehr, verspannte mich umgehend. Geschlagen wurden wir damals, wenn wir etwas falsch machten, zum Beispiel beim Segeln nicht aufpassten. Da war mein Vater streng.Es gibt Momente, in denen man sich gar nicht bewusst ist, dass man in die Kindheit zurückfällt. Das kann eine reflexartige Handlung sein, etwa bei einem Unfall: Du liegst am Boden, und kaum wirst du angesprochen, tust du so, als wär nichts passiert. Das ist bei Kindern ja auch so: Wenn sie auf die Nase fallen und sehen, dass die Mutter schaut, fangen sie an zu plärren. Guckt aber ein anderes Kind, bleiben sie cool. Apropos umfallen: Was ich vom Kindsein gerne bewahrt hätte, ist dieses endlose und unermüdliche Probieren und Probieren, bis es schliesslich klappt. Selbst wenn es weh tut. Als Erwachsene denkt man ja immer: «Jetzt hab ichs schon dreimal versucht und ich schaffs noch immer nicht - vermutlich bin ich zu blöd.» Ein Kind würde nie auf diesen Gedanken kommen.

Vreni Giger, 34, Spitzenköchin in St. Gallen

Aufgewachsen bin ich im Bewusstsein, dass die Gigers etwas sind. Ich habe drei Brüder und bin das Nesthäkchen. Meine Eltern führten einen Bauernhof. Sie haben mit nichts angefangen und wollten etwas erreichen, nicht Mittelmass sein. Sicher wären sie mit mir zufrieden, wenn ich «nur» Köchin im «Hirschen» wäre; was sie aber erwarten, ist, dass ich meine Arbeit gut mache. So haben wir Kinder das gelernt: Wenn man etwas macht, dann richtig und zieht es konsequent durch. Meine Brüder gehören schweizweit zu den besten Braunviehzüchtern.

Letztes Jahr habe ich einen schweren Rückschlag erlebt. Mir wurde ein Michelin-Stern weggenommen. Es war wie in der Schule: das elende Gefühl, bei einer Prüfung schlecht abgeschnitten zu haben. Das hat weh getan, weil wir täglich unsere beste Leistung bringen. Klein fühlte ich mich nicht, aber hilflos. Ich habe gelernt zu unterscheiden: Kritik an meiner Person und Kritik an meiner Arbeit sind zwei Paar Schuhe.

Ich habe ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern, immer schon. Sie liessen mich machen. Meine Mutter kennt meine Schwächen ganz genau, würde aber nie darauf rumreiten. Ein Beispiel: Mein Mann und ich haben ein Haus. Die Arbeit im Restaurant hat für mich aber Priorität. Bei uns zu Hause ist es deshalb oft recht chaotisch - nicht aufgeräumt, nicht geputzt. Natürlich hätte ich Zeit dafür, aber es ist mir nicht wichtig. Lieber lege ich mich in den wenigen freien Stunden zur Erholung hin. Kürzlich hat meine Mutter bei mir zu Hause die Garage aufgeräumt. Ich bemerkte es sofort und sagte: «Warst du mal wieder fleissig?» Klar meint sie es nicht böse. Aber deshalb könnte ich trotz gutem Verhältnis nicht mehr mit den Eltern unter einem Dach wohnen: Ich hätte ständig ein schlechtes Gewissen. Meine Mutter würde nichts sagen, aber ungefragt putzen.

Sie kocht auch überdurchschnittlich gut, macht die besten Birnenweggen. Konkurrenziert haben wir uns aber nie. Wenn ich zur Haustür reinkomme und den Duft ihrer Rahm- und Käsefladen rieche, dann weiss ich: Jetzt ist Weihnachten. Das ist so ein Moment, der mich auf schöne Art in die Kindheit katapultiert.

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