Wir führten das, was man eine klassische Ehe nennt: partnerschaftlich, aber mit klarer Rollenverteilung. Ich kümmerte mich um unsere beiden Kinder, um unser Heim und das gemeinsame Zusammenleben – Hans verdiente das Geld. Im Lauf unserer 28-jährigen Ehe wurden die sozialen Kontakte etwas weniger, wir konzentrierten uns auf die Familie, die Turnerkollegen, einen engen Freundeskreis. Das war gut so und gar nicht anders möglich, da eine unserer Töchter eine Behinderung bekam und mehr Aufmerksamkeit benötigte.

Als uns der Arzt 1998 den Krebsbefund von Hans offen legte, kam das aus heiterem Himmel. Mein Mann hatte nie zuvor Beschwerden gehabt. Der Arzt machte uns noch Mut.

Wenige Tage später war Hans gegangen. Mir brach der Boden unter den Füssen weg. Obwohl mir meine Tochter und ihr heutiger Mann gerade in der ersten Zeit, in der einem die Formalitäten über den Kopf wachsen, eine wahnsinnige Stütze waren, holten mich alte Verlustängste ein.

Überall hörte ich die Stimme von Hans – dachte, er würde gleich zur Tür hereinkommen. Erst blockierte mein Körper, dann meine Seele. Die Kinder und Freunde versuchten mich zu tragen, mir aber glitt das Leben aus den Händen. Ich konnte nicht mehr kochen, nicht mehr schreiben, nicht mehr geordnet reden. In Absprache mit dem Arzt liess ich mich in die geschlossene Psychiatrie einweisen. Ich brauchte einen geschützten Ort, suchte so sehr nach Geborgenheit. Leicht waren diese fünf Monate nicht. Heute weiss ich, es war für mich der richtige Weg. Dort wurde ich betreut und in meiner Trauer begleitet. Ich hatte jemanden, um über alles zu reden. Wenn man sich im Kreis zu drehen scheint, ist das wichtig. Mit der Familie schafft man das oft nicht, weil man sie nicht belasten möchte.

Zurück zu Hause fasste ich Mut, ging wieder unter die Leute. Es brauchte viel Kraft, bis ich merkte: Das tut mir gut. In psychologischer Betreuung bin ich nach wie vor. Heute, nach acht Jahren, macht mir mein Witwenstand weniger Schwierigkeiten. Ich arbeite, verreise gelegentlich, habe einen strukturierten Alltag. Meiner Seele aber wird die Rasanz, mit der das Leben weitergeht, gelegentlich zu viel. Dann ziehe ich mich zurück. Das muss und darf ich mir erlauben.

Dieses Bild kann nicht angezeigt werden.