Als ich ein Baby war, haben meine Eltern mit mir «Gugus-Dada» gespielt. Obwohl ich mich nicht mehr daran erinnern kann, weiss ich heute, dass sie mir unter anderem mit diesem Spiel etwas Wichtiges in die Wiege gelegt haben, das die Psychologen Urvertrauen nennen: die Sicherheit, dass ich geliebt, umsorgt und behütet werde, selbst wenn ich die Eltern nicht sah. Dank diesem Urvertrauen glaubte ich auch, dass der liebe Gott mitsamt einem Schutzengel für mich da war, obwohl ich beide nie sehen konnte. So einfach war das. Doch dann wurde es komplizierter.

Man erzählte mir, dass Gott mich überall sieht und sich meine Sünden merkt. Das ging mir viel zu weit, zumal ich ab einem gewissen Alter anfing, mich im Bad einzuschliessen.

Der Gipfel war aber, dass ich Pfarrer Weber (Gott hab ihn selig!) beichten musste, wenn ich etwas «Unkeusches» nur schon hörte. Ich verstand auch nicht, warum sich Gott in mein Leben einmischte und mir verzeihen konnte, wenn ich ein Gspäändli verdrosch. Aber Fragen hatten im katholischen Unterricht keinen Platz. Stattdessen mussten wir Knirpse abstrakte Formeln aus dem Katechismus lesen, bei denen ich noch heute nur Bahnhof verstehe. So wurde mir die Religion allmählich zur Last. Und ich begann, Gott zu fürchten, weil ich ihn unverständlich und unberechenbar fand. Ich fand ihn nicht mehr lieb. Ich fand ihn lästig.

Heutzutage soll Religion keine Last mehr sein. Kindern wird eine offene, lebensfreundliche Religiosität nahegebracht. Religiöse Erziehung, die mit Zwang verbunden ist und einen hauptsächlich strafenden Gott vermittelt, dem kritisches Urteilsvermögen zuwider ist, stösst auf Widerstand. Religion wird in unserem Kulturkreis nicht mehr als Mittel zur Disziplinierung missbraucht. Und vor allem sind heute Fragen erlaubt: Ist die Bibel tatsächlich Gottes Wort und das Christentum die liberalste Religion? Ist der Buddhismus wirklich so friedlich? Ist der Islam für die Vernunft verloren?

Worte für das finden, was wichtig ist

Es gilt, religiöse Wissensfragen und reine Glaubensfragen zu unterscheiden. Antworten auf Wissensfragen findet man in Büchern, Antworten auf Glaubensfragen hingegen erfordern persönliche Stellungnahmen.

Wertvorstellungen, Überzeugungen, Ziele und Grundorientierung lernt man nicht nur in der gesellschaftlichen Sozialisation. Der Glaube trägt ebenso entscheidend bei. Wenn man Kinder zu eigenständigen Persönlichkeiten erziehen will, müssen sie den Umgang mit dem Glauben lernen. Das geht am besten, wenn man Worte für das findet, was dem Leben Sinn gibt, wichtig und prägend ist - kurz, woran man selber glaubt. Glaube ist nichts Statisches. Glaube soll und darf sich wandeln. Ich zum Beispiel habe einen ersten Schritt gemacht: Wie als Kind glaube ich wieder an meinen Schutzengel, der auf mich aufpasst, wenn ich mal unachtsam bin. Wahrscheinlich ist es ein Gebet, wenn ich ihm vor dem Einschlafen dafür danke.