Die neunjährige Nora stellt sich Gott wie einen grossen Tintenfisch vor: «Er hat ganz viele Arme, die sind wie farbige Stoffschleifen, und die berühren alle Menschen auf der ganzen Welt. Auch die Tiere und die Pflanzen und sogar die Steine.» Und diese Arme schlüpfen in die Menschen hinein, glaubt Nora. So sei Gott in allem drin. Man sehe das zwar nicht, weil Gott unsichtbar sei – «aber manchmal spürt man es».

Nora kommt aus einem reformierten Elternhaus. Ihre Eltern möchten ihr und ihren beiden älteren Schwestern bewusst etwas von der christlichen Kultur mit auf den Weg geben. Aber sie trauen den Kindern auch zu, eine eigene Form der Religiosität zu entwickeln. Spirituelle Fragen seien für die Mädchen manchmal wichtig, dann wieder über lange Phasen kein Thema. «Wir forcieren das nicht», sagt Noras Vater Martin Lehmann.

«Gott kann über alles befehlen»


Oder die viereinhalbjährige Zoë Lapp, Tochter von nichtgläubigen Eltern: Von Spielkameraden hat sie aufgeschnappt, dass «Gott über alles befehlen kann». Seither lässt sie dieser Gedanke nicht mehr los. Eine typische Reaktion, meint August Flammer, Professor für Entwicklungspsychologie in Bern: «Die Hauptfunktion von Religion ist es, Sicherheit und Orientierung zu geben.» Auf ihre kindliche Art empfinde das Mädchen möglicherweise die Botschaft: «Zum Glück trägt jemand die Verantwortung für alles.»

Allerdings: In den letzten 30 Jahren verzehnfachte sich der Anteil der Konfessionslosen in der Schweiz auf gut elf Prozent. Und viele Erwachsene, die Mitglied der Landeskirchen bleiben, sind nicht aktiv oder sogar desinteressiert. Deshalb fällt es vielen Eltern zunehmend schwer, mit ihren Kindern über die grossen religiösen Fragen zu reden: Wer ist Gott? Woher kommen wir? Wohin gehen wir?

Aber Kinder und Jugendliche interessieren sich dafür. Eine Umfrage an der Kantonsschule Wetzikon etwa ergab, dass 60 Prozent der Jugendlichen an Gott glauben. Sogar Schülerinnen und Schüler aus nichtreligiösem Elternhaus meldeten sich dort für das Wahlfach Religion an.

«Den Kindern ein rein naturwissenschaftliches Weltbild zu vermitteln genügt nicht», erklärt Dieter Sträuli, Psychologe und Kopräsident der Beratungsstelle Infosekta. Ein Kind in unserer durch das Christentum geprägten Kultur brauche eine Form von religiöser Erziehung. Es müsse die biblischen Geschichten, Mythen und die Struktur der Kirche kennen lernen, findet Sträuli, «sonst versteht es vieles nicht, was in dieser Kultur läuft».

Rituale vermitteln Geborgenheit


Der Sektenspezialist hält ein religiöses Vakuum in den Kinderköpfen für ebenso gefährlich wie eine autoritäre, auf puren Gehorsam abzielende religiöse Erziehung: «Die Leere will gefüllt werden, und das macht auch anfällig für die Heilsbotschaften sektenartiger Gruppierungen.» Zwar werben die Sekten heute nicht mehr so aggressiv um Jugendliche wie noch in den achtziger Jahren. Damals hatten sie eine derart schlechte Presse, dass sie heute ihre Neumitglieder vor allem unter Erwachsenen suchen. Doch die Jugendlichen von heute seien die «möglichen Sektenmitglieder von morgen», warnt Sträuli.

Religiöse Rituale helfen, Jugendliche vor der Verführung durch falsche Botschaften zu schützen. «Rituale stehen stellvertretend für die Antworten, die es nicht gibt», sagt August Flammer. Damit sich Kinder geborgen fühlen, brauchen sie Vertrauen in die Kontinuität. Und das vermitteln Rituale.

Die klassischen religiösen Übergangsrituale wie Firmung und Konfirmation haben laut Flammer allerdings an Bedeutung verloren. Früher hätten diese Riten eine klare Grenze zwischen Kindheit und Erwachsensein markiert, doch heute zerfliesse diese Grenze.

Umso wichtiger sind die Rituale im Alltag. Nora und ihre Schwestern zum Beispiel singen mit ihren Eltern jeden Abend vor dem Einschlafen: manchmal lustige Lieder, oft aber auch solche mit religiösem Inhalt. «Diese Lieder sollen den Kindern das Gefühl mitgeben: ‹Du schläfst nicht allein. Du bist geborgen hier im Haus, in der Familie, aber auch in einem Bereich, in dem wir keinen Einfluss nehmen können, wo es aber eine höhere Geborgenheit gibt›», erklärt Vater Martin Lehmann.

Wie aber sollen nichtgläubige Eltern auf die Kinderfragen nach Gott, Engeln und einem Leben nach dem Tod reagieren? Indem sie gemeinsam mit ihren Kindern darüber philosophieren, rät die Pädagogin Eva Zoller Morf (siehe Nebenartikel «Religiöse Themen»). Die Spezialistin für Kinderphilosophie empfiehlt sowohl nichtgläubigen wie auch gläubigen Eltern, den Kindern nichts aufzudrängen: «Sagen Sie ihnen nicht, es gebe keinen Himmel. Versuchen Sie aber auch nicht zu schildern, wie es im Himmel genau aussieht. Kinder sollen ihre eigenen Vorstellungen entwickeln können.» Ein Glaube, der nur übernommen sei, werde von zehn- bis zwölfjährigen Kindern bald hinterfragt. «Und wenn die Kinder das Gefühl bekommen, die Eltern hätten gelogen, besteht das Risiko, dass sie gleich alles über Bord werfen.»

Im Religionsunterricht der beiden Landeskirchen sind Philosophieren und «Phantasiereisen» über religiöse Themen laut Zoller inzwischen gang und gäbe. Als Lehrerin für das Fach Religion in einem Kindergartenseminar hat sie hingegen erlebt, wie einige Seminaristinnen aus Freikirchen solche Phantasiereisen nicht mitmachen durften – das hätte ihren Glauben zu sehr in Frage gestellt. «Wie sollen Leute mit einer solchen Haltung offen mit Kindern über religiöse Fragen sprechen können?», fragt sich Zoller.

Pfarrerin Ursula Wyss sieht im Religionsunterricht zudem eine Chance für Eltern, die schlechte Erfahrungen mit der Kirche gemacht haben: «Einige finden über ihre Kinder einen neuen Zugang.»

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Buchtipps

  • Eva Zoller Morf: «Philosophische Reise. Unterwegs mit Kindern auf der Suche nach Lebensfreude und Sinn.» Verlag Pro Juventute, 1999, 28 Franken (für Primarschülerinnen und -schüler)
  • Eva Zoller: «Die kleinen Philosophen. Vom Umgang mit ‹schwierigen› Kinderfragen.» Verlag Pro Juventute, 2000, Fr. 25.80
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