Frühling 2004, abends um halb neun: Reto Meier* fährt mit seiner Partnerin nach einem Ausstellungsaufbau nach Hause. Der Zürcher Stadtbus ist halb leer, zwei junge Hip-Hopper randalieren ein bisschen, schreien herum.

Am Hauptbahnhof wollen die Hip-Hopper aussteigen. Der eine schleift aus Versehen mit den Füssen die am Boden liegende Tasche von Meiers Freundin mit. Sie sagt: «Achtung, meine Tasche.» Der andere Hip-Hopper schnappt die Tasche, drückt sie ihr unsanft in die Arme und pöbelt sie an: «Du dumme Sau, du musst doch nicht den Gang versperren mit deinem Plunder.» Sie reagiert gelassen, sagt, easy, ist doch nur eine Tasche. Der gross gewachsene, etwa 18-jährige junge Mann ist offensichtlich auf Streit aus. Er baut sich vor Reto Meier auf, schwingt sich an einer Stange im Bus hoch – und knallt mit voller Wucht, Füsse voran, an Meiers Kopf.

«Das Ganze passierte innert Sekunden. Ich konnte nichts ausrichten», erinnert sich der 34-jährige Zürcher. Instinktiv habe er die Arme vor den Kopf gehalten und sich gebückt. Doch das nützte nichts, er wurde voll getroffen. Wieso der Jugendliche auf ihn losging, ist ihm bis heute ein Rätsel. «Ich war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.»

Nach dem Übergriff schrien Meier und seine Partnerin um Hilfe, die zwei Jugendlichen konnten entwischen. Keiner im Bus half oder reagierte angemessen. An der nächsten Haltestelle riefen sie die Polizei, die umgehend eine Nahbereichsfahndung einleitete – erfolglos. Bis heute sind die Hip-Hopper auf freiem Fuss. Darum will Reto Meier anonym bleiben. «Ich hoffe sehr, dass die Polizei die beiden findet und zur Rechenschaft zieht. Gewalt darf nicht toleriert werden.»

Ein paar Tage nach dem Übergriff bricht Meier zusammen und landet auf der Notfallstation. Die Diagnose des Spitals: Hirntrauma. Durch den kräftigen Schlag auf den Kopf sind Blutgefässe im Gehirn geplatzt. Meier hat Gedächtnislücken, Sehstörungen und Lähmungserscheinungen. Mehrere Wochen muss er ruhig liegen, darf keiner geistig fordernden Tätigkeit nachgehen, weder lesen noch Musik hören oder fernsehen. An Arbeit ist nicht zu denken. Eine grosse Belastung für ihn und seine Partnerin.

Heute, gut zehn Monate später, kann Meier wieder arbeiten, völlig gesund ist er aber noch nicht. Die psychische Belastung ist nicht zu unterschätzen. Am Anfang bekam er nur schon Angst, wenn er Jugendliche sah. Bemerkte er einen Hip-Hopper mit ähnlicher Frisur, lief er ihm nach, bis er sein Gesicht sah und sich vergewissern konnte, dass es nicht der Täter war.

Langsam kann er damit umgehen. «Ich bin vorsichtiger geworden und habe gelernt, dass es einen jederzeit, überall treffen kann – auch ohne dass man etwas dafür kann.» Meier appelliert an die Gesellschaft, Gewalt niemals zu tolerieren: «Ich setze auf Zivilcourage!»

*Name von der Redaktion geändert

Anzeige