Treffender könnte es keine Frau formulieren: «Männer sind nicht mehr die Paschas von gestern, aber noch lange nicht die Partner von morgen», schreibt Lars Feldmann vom Gottlieb-Duttweiler-Institut in seiner Studie «Family Business». In Zahlen heisst das: 20000 Männer arbeiten aus familiären Gründen Teilzeit im Gegensatz zu 530000 Frauen. 22 Stunden Haus- und Erziehungsarbeit pro Woche leistet jeder Mann im Schnitt jede Frau hingegen 52 Stunden. Immerhin: Nur jeder fünfte Schweizer Mann denkt beim Nachhausekommen: «Hoffentlich ist das Nachtessen schon fertig.» In Deutschland ist es jeder dritte, in Österreich jeder zweite.

Vom «neuen Mann» sind also erst wenige Exemplare im Alltag anzutreffen. Sie lernen langsam, was die Hälfte der Mütter mit Kindern unter 15 Jahren seit Jahr und Tag zu leisten haben: die Koordination von Beruf und Familie oder auf Neudeutsch «Work-Life-Balance».

Viele Frauen können diesem Balanceakt inzwischen viel Positives abgewinnen: «Studien zeigen, dass das psychische Wohlbefinden von Frauen, die zusätzlich zur Familienarbeit noch einer Erwerbsarbeit nachgehen, im Durchschnitt grösser ist», sagt Susanne Hablützel, Fachfrau für Gesundheitsförderung vorausgesetzt, der Job macht Spass und die Kinderbetreuung ist befriedigend geregelt.

Auch haben Untersuchungen gezeigt, dass Frauen, die mehrere Rollen ausüben, besser vor emotionalen Rück-schlägen geschützt sind: Wer sich im Beruf als kompetent und erfolgreich erlebt, kann Sorgen und Ärger zu Hause sehr viel leichter wegstecken.

Barbara Gabathuler, Mutter von vier Kindern, empfindet ihr Rollenspiel als derart bereichernd, dass sie das Arbeitspensum als Primarlehrerin von 40 auf 50 Prozent aufstockt: «Für mich ist es eine Herausforderung und Bestätigung, meine persönlichen Ziele zu verwirklichen und zugleich für die Familie da zu sein.»

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Mit ihrem Ehemann, der 100 Prozent arbeitet, pflegt sie eine eher klassische Rollenteilung sie übernimmt grösstenteils den Haushalt, er hält den Garten in Schuss und kümmert sich ums Finanzielle. Bei der Betreuung der Kinder ist der Vater jedoch immer mit eingespannt. «Da mein Mann oft Überstunden leistet, kann er tage- oder stundenweise freimachen und die Kinder zu Hause betreuen», meint Barbara Gabathuler.

Dass der Mann mitzieht, ist eine wichtige Voraussetzung, um ins Gleichgewicht zu kommen. «Doch wenn die Frauen ihre Männer erst motivieren müssen, sind die Schwierigkeiten programmiert», sagt Fachfrau Susanne Hablützel. Anderseits seien heute viele Väter sehr wohl bereit, einiges zu übernehmen, vor allem bei der Kinderbetreuung. «Da die meisten aber zu 100 Prozent arbeiten, sind die Energien limitiert.» Ausserdem trauten sich viele Männer nicht, bei ihrem Arbeitgeber ein Teilzeitpensum einzufordern. «Und Kaderstellen im Teilzeitpensum sind sowieso rare Ausnahmen.»

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Hier sind die Arbeitgeber gefordert. «Noch wird berufliche Leistungsfähigkeit meist mit Verfügbarkeit gleichgesetzt», sagt Daniel Huber von der Beratungsstelle «Und», die sich für das Zusammenspiel von Familien und Erwerbsarbeit einsetzt. Doch auch in Kaderfunktionen sollte Teilzeitarbeit künftig keine Utopie bleiben. «Da die Gesundheit der Mitarbeitenden je länger, je stärker zum Schlüsselfaktor wird, werden die Unternehmen in Zukunft vermehrt gewillt sein, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu gewährleisten», ist Daniel Huber überzeugt.

Die Frauen sind aber noch mit ganz anderen Hindernissen konfrontiert: Sätze wie «Die sieht noch gut aus für ihre vier Kinder» oder «Erstaunlich, was die trotz ihrer drei Kinder im Büro leistet» untergraben das weibliche Selbstwertgefühl. «Viele Frauen haben ohnehin den Eindruck, in keinem Bereich genügen zu können, und setzen sich selbst an den Schluss ihrer eigenen Prioritätenliste», sagt Susanne Hablützel.

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Wenn die Überforderung aber programmiert ist, siehts schlecht aus für die Work-Life-Balance. Die erste und wichtigste Regel für Frauen lautet daher: Stecken Sie Ihre eigenen Ansprüche zurück Perfektionismus ist Gift fürs Gleichgewicht.

Buchtipps

Regine Schneider:

«Gute Mütter arbeiten. Ein Plädoyer für berufstätige Frauen.»

Fischer, 2000, Fr. 15.90

Ute und Karl Diehl:

«Handbuch für berufstätige Eltern.»

Belz, 1999, Fr. 26.20

Weitere Infos:

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