Ich habe funktioniert. Das ist das Erste, woran ich mich nach dem Tod meines Mannes erinnere. Kurt starb innerhalb von Stunden an endemischer Leukämie. Ich fühlte mich amputiert. Da war nur dieser körperliche Schmerz, der an mein Herz gelangte. Ich hatte verdrängt, dass eine bedrohliche Krankheit im Anzug sein könnte. Als es so weit war, blieb keine Zeit, darüber nachzudenken, dass wir als Team nicht mehr existierten.

Im ersten Jahr stürzte so vieles auf mich ein. Liebe Menschen versuchten Trost zu spenden. Am meisten half ein Händedruck, eine stille Umarmung anderer Witwen, die ich kaum kannte. Im zweiten Jahr kamen die Schuldgefühle. Heute weiss ich, dass niemand um diese Trauerphasen herumkommt. Mir half, dass ich immer aktiv blieb: Ich singe, bin in einer Trachtengruppe, kümmere mich um die Familie, arbeite auf dem landwirtschaftlichen Betrieb meines Schwiegersohns mit.

Nur wenige Monate nach Kurts Tod habe ich diese Aktivitäten wieder aufgenommen. Und ich habe mich mit dem Alleinsein auseinander gesetzt: Ich fuhr an Orte, die wir gemeinsam besucht hatten. Zuerst tat das furchtbar weh, beim zweiten Mal wurde es besser. Heute ist es gut. Im Lauf der Trauerzeit habe ich unser erfülltes Leben noch einmal durchlebt – mit allen Höhen und Tiefen. Dann griff ich zum Stift, schrieb alles nieder: Träume, Wut, Sehnsüchte. Manche Seiten habe ich zerrissen.

Es ist gut, diesen Schmerz nicht zu verdrängen. Bilanz zu ziehen heisst, die vergangene Lebensphase in Frieden abschliessen zu können. Schwierig ist für mich der Umgang mit gemeinsamen Freunden. Ich bin bei ihnen willkommen, aber nach den Besuchen fühle ich meist Enttäuschung. Das liegt an mir. Unbewusst suche ich dort ein vertrautes Wir-Gefühl. Das aber gibt es ohne Kurt nicht mehr.

Für viele Witwen ist das Alleinsein eine Chance. Ich habe noch fünf Jahre danach Mühe, dieses Wort zu gebrauchen. Ich führte schon in der Ehe ein eigenständiges Leben. Aber ich musste am Tod meines Mannes wachsen, musste ihn hinnehmen. Wenn man das akzeptiert hat, blickt man gelassener auf sein Leben. Ich fühle, dass ich Neues beginnen kann, ohne Kurt zu verlieren. Als Witwe sehe ich mich nie. Ich habe 40 Jahre lang meine Tage mit dem Gedanken an meinen Mann begonnen und beendet. Das ist geblieben.

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