«Der Kindsvater wird für berechtigt erklärt, seine Tochter Lea, geboren 1991, am ersten Wochenende eines jeden Monats von Samstagmorgen 10 Uhr bis Sonntagabend 18 Uhr zu sich oder mit sich auf Besuch zu nehmen.» So klar und eindeutig stehts geschrieben im Scheidungsurteil von Rolf und Rita W.

Doch mit dieser Regelung klappte es nur kurze Zeit reibungslos. Dann sagte die Exfrau von Rolf W. die Besuchswochenenden mehrmals ab. Zweimal erklärte sie, Lea sei krank, einmal ging es nicht wegen einer Familienfeier, und das andere Mal hatte Lea bereits mit ihrer besten Freundin und deren Mutter für das Wochenende abgemacht. «Meine Exfrau versucht neuerdings mit allen Mitteln zu verhindern, dass ich meine Tochter noch sehe», mutmasste W. gegenüber seinen Kollegen.

Als er den Verdacht gegenüber seiner ehemaligen Frau äusserte, bestritt diese, sein Besuchsrecht torpedieren zu wollen. «Lea will einfach nicht mehr zu dir. Und dazu zwingen – das kann und will ich sie nicht.» Rolf W. schlug vor, das Jugendsekretariat oder eine Familienberatungsstelle um ein vermittelndes Gespräch zu bitten. Doch die Exfrau lehnte ab. Sie habe vor zwei Tagen der Vormundschaftsbehörde geschrieben, dass die bestehende Regelung abgeändert werden müsse.

Die Vormundschaftsbehörde ist seit dem Inkrafttreten des neuen Scheidungsrechts im Januar 2000 befugt, das in einem Scheidungsurteil festgelegte Besuchsrecht abzuändern. Sie kann bei Problemen mit dem Besuchsrecht die Eltern aber auch an ihre Pflichten ermahnen oder ihnen Weisungen erteilen – dies sogar unter der Androhung von Haft oder Busse. Möglich ist schliesslich auch, dass dem Kind ein Beistand ernannt wird, der das Besuchsrecht überwacht und begleitet.

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Die Behörde bleibt hart
Rolf und Rita W. wurden zu einem gemeinsamen Gespräch auf die Vormundschaftsbehörde eingeladen. Auch Lea durfte sich zu den Wochenenden mit ihrem Vater äussern. Kinder werden heute immer angehört, wenn sie nicht zu jung sind oder andere Gründe dagegen sprechen – zum Beispiel die freie, unbeeinflusste Weigerung des Kindes, sich zu äussern.

Im Fall von Rolf und Rita W. hielt die Vormundschaftsbehörde nichts von einer Änderung des Besuchsrechts. Voraussetzung wäre gewesen, dass sich die Verhältnisse seit der Scheidung wesentlich und dauerhaft geändert hätten und eine neue Regelung im Interesse des Kindes nötig gewesen wäre.

Im schlimmsten Fall kann einem Elternteil das Besuchsrecht ganz entzogen werden. Dafür müssen allerdings gewichtige Gründe wie Drogenabhängigkeit des Besuchsberechtigten oder physische oder psychische Misshandlung des Kindes gegeben sein. Ausserdem ist verlangt, dass der Gefährdung des Kindes nicht mit anderen Massnahmen wie einem begleiteten Besuchsrecht begegnet werden kann.

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Wohl des Kindes hat Vorrang
Beim Gespräch auf der Vormundschaftsbehörde wurde Rolf W. aufgefordert, sich an den Besuchswochenenden wirklich mit Lea abzugeben sowie – ohne sie übermässig zu verwöhnen – auf ihre Interessen und Bedürfnisse einzugehen. Rita W. wurde klar gesagt, dass sie positiv auf Lea einwirken und sie zu den Besuchen bei ihrem Vater motivieren müsse. Den Launen des Kindes dürfe sie nicht einfach nachgeben. Es könne immer wieder Phasen geben, in denen das Kind weniger gern zum Vater gehe, aber das dürfe nicht überbewertet werden: «Eltern, die jedoch versuchen, das Kind vom andern Elternteil zu entfremden, schaden allein dem Kind. Denn dieses gerät dadurch in einen schweren Loyalitätskonflikt. Für die Entwicklung eines Kindes ist es sehr wichtig, regelmässig Kontakt zu beiden Elternteilen zu haben.»

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Um weitere Streitigkeiten zwischen Rita und Rolf W. zu verhindern, ordnete die Vormundschaftsbehörde schliesslich eine so genannte Besuchsrechtsbeistandschaft an. Der Beistand von Lea erhielt die vier folgenden Aufgaben:

  • das Besuchsrecht in geeigneter Form zu begleiten und zu überwachen;
  • der Kindsmutter und dem Kindsvater beratend beizustehen;
  • das Nachholen von Besuchstagen verbindlich festzulegen;
  • einen Antrag zu stellen, wenn weitergehende Aufgaben nötig erscheinen.

Rita und Rolf W. stellten nach diesem Entscheid das Interesse von Lea über ihre persönlichen Verletzungen.