Was viele Frauen und auch immer mehr Männer stresst, ist das Resultat einer gesellschaftlichen Prägung: Gemäss einer deutschen Erhebung werden wir im Schnitt zwölfmal pro Tag mit dem Bild unserer Traumfrau oder unseres Traummanns konfrontiert. Was den Erwachsenen die Models und Stars sind, sind dem Nachwuchs Barbie und Ken.

Die Folgen davon: 40 Prozent aller 11-Jährigen machen sich bereits Gedanken über ihre Figur. In Deutschland will jedes zweite Mädchen zwischen sieben und zehn Jahren dünner sein, als es momentan ist; bei den 11- bis 13-Jährigen sind es bereits zwei Drittel. Und in den USA wünschen sich Teenager zum Schulabschluss eine neue Nase, grössere Brüste oder wollen sich Fett absaugen lassen; letztes Jahr wurden 30'000 Schönheitsoperationen an Minderjährigen vorgenommen. Dass der Schönheitsterror nach amerikanischem Vorbild auch hierzulande um sich greift, belegen die satten Zuwachsraten bei kosmetischen Eingriffen.

Jegliche Individualität geht flöten
Naomi Wolf, Autorin von «Der Mythos Schönheit», schreibt dazu: «Mit einer Flut von Bildern überschwemmt der Schönheitsmythos tagtäglich das Bewusstsein von Männern und Frauen und fegt jegliche Art von Individualität beiseite, um sie durch ein zeitloses, allgemein gültiges Stereotyp zu ersetzen. Die schönen Vorbilder aus Werbung und Medien werden zur Quelle für einen neuen Lebensstress.»

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Da erstaunt es nicht, dass jeder und jede etwas an sich auszusetzen hat: zu dick, zu dünn, zu gross, zu klein, Hängebusen, Hängebauch… In der Folge lassen sie keine Diätfalle aus, überfordern Kreislauf und Gelenke beim Fitnesstraining und schrecken auch vor kosmetischen Eingriffen nicht zurück – nur um am Schluss festzustellen, dass das gewünschte Ergebnis einmal mehr verfehlt worden ist.

Nicolas Kneubühler, 42, kennt diesen Teufelskreis: «Nach vier Wochen quälender Selbstdisziplin, nagenden Hungergefühlen und Schweiss treibenden Trainings habe ich, mit den Nerven völlig fertig, aufgegeben. Ich war ständig gereizt, hatte Konzentrations- und Schlafprobleme und eine schmerzhafte Knochenhautentzündung. Statt der erhofften fünf habe ich nur ein Kilo verloren.» Der Frust war so gross, dass der Versicherungsberater nun wieder seine alten Gewohnheiten pflegt: Essen nach Lust und Laune – statt der Pfunde ist er jetzt wenigstens den Stress los.

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Neuste Untersuchungen belegen, dass jeder Mensch ein unterschiedliches, genetisch bedingtes Idealgewicht hat. Deshalb können manche trotz eiserner Diät keine oder nur bedingte Erfolge erzielen. Ausserdem enden einseitige Abspeckprogramme oft in einer Mangelernährung – Stress pur für den Organismus. Haarausfall und brüchige Nägel, blasse Gesichtsfarbe und Konzentrationsprobleme sind mögliche Folgen und erfordern in einzelnen Fällen sogar eine medizinische Behandlung.

Seit mehr als 15 Jahren sind Essstörungen, vorwiegend Magersucht und Bulimie, ein brennendes Thema. Schon früh versuchte man, dem Schlankheitswahn entgegenzuwirken. Und doch ist die Zahl der Betroffenen stark gestiegen. Das ständige Grübeln über die eigene Figur hat meist mit einer gestörten Körperwahrnehmung zu tun – und kann tödlich enden: Etwa jede achte Magersüchtige stirbt; das ist eine höhere Todesrate als bei Alkoholismus oder Depressionen. Was lange Zeit zur Frauenkrankheit erklärt wurde, hat inzwischen auch auf die Männer übergegriffen. Wer überlebt, ist vielfach ein Leben lang körperlich und psychisch geschädigt.

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Trotzdem sind sich die Fachleute einig, dass Investitionen in die eigene Schönheit stark zunehmen werden, denn Schönsein bringt soziale und ökonomische Vorteile. Wissenschaftlich belegt ist, dass schöne Menschen als intelligenter eingeschätzt werden; sie werden weniger beschuldigt, kommen auf der Karriereleiter höher, verdienen mehr, haben mehr Freunde und Sex – die Schufterei am eigenen Körper wird zur Anlage in die Ich AG.

Was bleibt zu tun? Zurück zu sich selbst, heisst die Lösung. Statt einem virtuellen Ideal für Schlankheit und Schönheit nachzueifern, sollten wir vermehrt wieder das eigene Körpergefühl entwickeln. Wer sich beim Blick in den Spiegel selbst gefällt, ist weniger darauf angewiesen, anderen zu gefallen. Hängen Sie also kein Bild von Claudia Schiffer, Jennifer Lopez oder Brad Pitt an den Badezimmerspiegel, sondern eine Aufnahme von sich selber, auf der Sie sich sympathisch sind. Bei vielen wirkt das Wunder.

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