Schwimmen ist out. Jedenfalls bei Kindern und Jugendlichen. Wenn diese trotzdem ins Schwimmbad gehen, dann nicht der sportlichen Betätigung wegen, sondern für Abkühlung und Spass. «Schwimmbäder sind heute viel eher Plauschbäder», sagt Hansueli Nievergelt, Präsident des Schweizerischen Badmeisterverbands, «man holt die Leute mit Funanlagen in die Bäder.» Dass dieses Rezept funktioniert, bestätigt Hermann Schumacher, Leiter Badeanlagen im Zürcher Sportamt. «Als wir im Bad Heuried 2004 eine Rutsche einbauten, nahm die Besucherzahl im folgenden Jahr um 50 Prozent zu.» Ähnliche Erfahrungen machte das Strandbad Romanshorn, dessen Besucherzahlen nach Installation einer Rutsche markant stiegen.

Schwimmkenntnis geht verloren

Und deshalb steht es auch um die Schwimmfähigkeiten nicht mehr zum Besten. «Viele können sich gerade noch knapp über Wasser halten», sagt Elisabeth Herzig, Ausbildungsverantwortliche der Dachorganisation Swimsports. Um vom Sprungturm oder der Rutsche an den Bassinrand zu gelangen, reiche der Hundeschwumm, meinen Schwimmbanausen. «Fünf Meter bis zum Bassinrand können viel sein, wenn Schlechtschwimmer übermüdet sind», entgegnet Hansueli Nievergelt. Er stellt fest, dass die Kinder von heute schlechter schwimmen als die früherer Generationen und sich ausserdem überschätzen. «Nur wer es schafft, 300 Meter in zehn Minuten zurückzulegen, ist ein sicherer Schwimmer», beantwortet Elisabeth Herzig die Frage, was «schwimmen können» heisst.

Dass mangelnde Schwimmkenntnisse oder Selbstüberschätzung fatale Folgen haben können, zeigt die Statistik der Schwimmunfälle: Bereits 30 endeten in diesem Jahr tödlich. Im Jahresdurchschnitt sind es etwa 50. «Diese Zahl könnte in Zukunft steigen, wenn die Schwimmfähigkeit weiter abnimmt», sagt Elisabeth Herzig.

Der Bund will sich nicht einmischen

Gemäss einer Umfrage von Swimsports erhalten nur zwei von drei Kindern in der Schule Schwimmunterricht. Den Anteil der Nichtschwimmer schätzt Swimsports auf etwa 15 Prozent. Ist also die Schule schuld? Ob ein Kind dort schwimmen lernt, ist tatsächlich Glückssache. Verbindliche Richtlinien über den Schwimmunterricht gibt es nicht, obwohl der Sport als einziger Bildungsbereich Bundessache ist. Doch da hält man sich raus. «Politisch wäre das nicht machbar, wenn wir für die Kantone Vorschriften zum Schwimmunterricht erlassen würden», sagt Walter Mengisen vom Bundesamt für Sport.

In keinem einzigen Kanton ist der Schwimmunterricht obligatorisch, was zur Folge hat, dass die Zahl der Schwimmlektionen, die ein Kind während der Primarschule erhält, von 0 bis 200 variieren kann. «Wir arbeiten darauf hin, dass der Schwimmunterricht als ein Teil der Allgemeinbildung gesehen wird», sagt Walter Mengisen. Elisabeth Herzig von Swimsports wäre schon froh, wenn die Schulkinder im Sommer blockweise ein Dutzend Lektionen von qualifizierten Lehrern erhalten könnten. «Doch an gut ausgebildeten Schwimminstruktoren herrscht grosser Mangel», stellt sie fest.

Eine Pionierrolle unter den Kantonen nimmt Obwalden ein. Die Regierung legte vor anderthalb Jahren in einem Sportkonzept fest, dass jedes Kind nach der obligatorischen Schulpflicht schwimmen können sollte. Denn schliesslich liegt jede Obwaldner Gemeinde an einem See, in den man hineinfallen könnte.

Quelle: Archiv
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