Meine Mutter hat mir das Leben gerettet», ist Sandra Müller (Name geändert), 40, heute überzeugt. Die Zürcherin wollte Weihnachten 2004 auf der thailändischen Insel Phuket verbringen und dort mit ihren Freunden tauchen gehen. So wie sie das schon seit vielen Jahren tut. «Meine Mutter war aber stur und beharrte darauf, dass ich diese Weihnachten nach Hause komme.» Um Streit zu vermeiden, sei sie am 19. Dezember 2004 in die Schweiz zurückgekehrt.

Am 26. Dezember geschah dann das Unfassbare. Eine Flutwelle riss an vielen Stränden Asiens Tausende von Menschen in den Tod. «Als ich davon hörte, war ich wie gelähmt. Meine Freunde waren noch in Phuket. Auch zwei thailändische Familien gehören zu meinem engsten Freundeskreis.» Müller fuhr sofort ins buddhistische Kloster im zürcherischen Rikon. Sie wusste, dass dort ein thailändischer TV-Sender empfangen werden kann, und erfuhr im Treffpunktsaal des Klosters von der grossen Zerstörung.

«Voller Panik wollte ich ins nächste Flugzeug steigen. Ich war schockiert und fühlte mich hilflos.» Die Ungewissheit sei kaum auszuhalten gewesen, erzählt Müller, sie wollte unbedingt wissen, wer von ihren Bekannten noch lebt. Nach einer Woche wusste die Kriminalbeamtin Bescheid: «Vier meiner Freunde wurden tot geborgen, einer wird noch heute vermisst, andere haben verletzt überlebt.» Sie suchte sofort Kontakt zu den Überlebenden, um ihre Hilfe anzubieten.

Unterstützung brauchen aber nicht nur von der Katastrophe direkt Betroffene, sondern auch deren Familien und Freunde: «Angehörige sind extrem wichtig für traumatisierte Menschen. Sie sind aber selber oft stark überfordert», erklärt Traumaspezialist Peter Fässler-Weibel. Nach seinen Erfahrungen engagieren sich Freunde oder Angehörige am Anfang rund um die Uhr für die Opfer und setzen alles daran, dass es ihnen wieder gut geht. Sehen sie keine Verbesserung, fangen sie oft an, Druck auszuüben. Die Betroffenen wiederum nehmen das als Zurückweisung wahr, manche flüchten sich in völlige Kommunikationsverweigerung. «Für die meisten ist aber Reden entscheidend, um das Ereignis zu verarbeiten», so Fässler-Weibel.

«Ich lebe eindeutig bewusster»

Damit diese Verarbeitungsphase auch die Angehörigen nicht überfordert, müssen einige Punkte berücksichtigt werden: «Viele Angehörige sollten auch für sich einen professionellen Berater suchen und die Frage klären, wie sie sich gegenüber ihren traumatisierten Lieben verhalten sollen. Das schafft Sicherheit», rät Psychologe Fässler-Weibel. Früh genug Hilfe zu holen sei entscheidend: «Oft reichen zwei bis drei Stunden Beratung, und man sieht den Weg wieder vor sich.» Problematisch werde es, wenn die Angehörigen sich vom Betroffenen anstecken liessen und sich nur noch mit dem Trauma beschäftigten.

Noch heute hat Sandra Müller regelmässigen Kontakt mit den Überlebenden: «Sie haben immer noch das Bedürfnis, über die schrecklichen Ereignisse zu reden. Ich auch, und ich frage mich immer wieder, warum ich so viel Glück hatte. Wäre ich in Thailand geblieben, hätte ich die Flutwelle wohl nicht überlebt.» Ihr Leben habe sich verändert. «Ich lebe eindeutig bewusster, bin feinfühliger geworden und schnell ergriffen von kleinen Dingen.» Für ihre thailändischen Freunde hat die 40-Jährige Geld gesammelt: «Jetzt kann ich etwas zurückgeben von dem, was ich all die Jahre empfangen durfte.»

Beratungsadressen

Adressen erhalten Sie in grösseren Städten vom psychosozialen Dienst, vom Haus- oder Notarzt oder unter www.psychotherapie.ch


Die Uni Zürich bietet Betroffenen in vier Sprachen einen Selbsttest an. So erfahren sie, wie weit sie das Erlebte verarbeitet haben: www.fzkwp.ch


Die Dargebotene Hand: rund um die Uhr erreichbar unter Telefon 143 oder im Internet unter www.143.ch


Buchtipps

Pascale Gmür und Helga Kessler: «Wege aus der Depression. Ratgeber für Betroffene und Angehörige»; Beobachter-Buchverlag, 2002, 208 Seiten, 32 Franken; Bezug: Telefon 043 444 53 07, Fax 043 444 53 09

Peter Fässler-Weibel: «Nahe sein in schwerer Zeit»; Paulusverlag, 2001, 190 Seiten, Fr. 16.50

Quelle: Reuters
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