Zahlen zu Kindsmissbrauch sind mit Vorsicht zu geniessen. So publiziert etwa die Opferberatungsstelle Castagna auf ihrer Website einen Artikel, wonach im Kanton Zürich «die Zahl der Verurteilungen wegen sexueller Handlungen mit Kindern zwischen 1987 und 2002 um 172 Prozent von 207 auf 356» zunahm. An diesem Satz ist alles falsch. Für das Jahr 2002 weist das Bundesamt für Statistik 343 Verurteilungen wegen sexueller Handlungen mit Kindern aus - allerdings nicht für den Kanton Zürich, sondern für die ganze Schweiz. Der Castagna-Artikel verwechselt Strafanzeigen mit Verurteilungen. Auch die Steigerungsrate wurde nicht richtig berechnet: Statt 172 beträgt sie für die - falschen - Zahlen lediglich 72 Prozent. Unpräzis auch der Verweis auf eine Publikation der Psychologen Regula Gloor und Thomas Pfister, wonach zwischen 24 und 65 Prozent der Befragten angegeben hätten, vor dem 14. Lebensjahr Opfer sexueller Ausbeutung gewesen zu sein. Die Zahlen lassen sich in dieser Form nirgends in der Studie finden. «Wir haben die Seite bis zur Klärung des Sachverhalts vom Netz genommen», sagt Eveline Jordi von Castagna.

«Studienzahlen zur Verbreitung von Kindsmissbrauch sind ungeheuer diskrepant - man muss vorsichtig mit ihnen umgehen», sagt Ulrich Lips, Leiter der Kinderschutzgruppe des Kinderspitals Zürich. Solche Vorsicht lässt die Opferberatungsstelle Mira vermissen. Ihre Homepage präsentiert eine alarmierende Nationalfondsstudie von Josef Martin Niederberger: Knapp 40 Prozent der anonym befragten Frauen seien bis zum 16. Altersjahr sexuell missbraucht worden. Nur: Die Studie fasst den Bereich des sexuellen Missbrauchs sehr weit. So werden Frauen als Opfer ausgewiesen, die die Frage bejahten, ob sie einmal von jemandem «über den Kleidern auf sexuelle Art und Weise betastet» worden seien.

«Das tatsächliche Ausmass von sexueller Ausbeutung bei Kindern kann nicht zuverlässig erfasst werden», sagt Christoph Häfeli, Professor an der Hochschule für soziale Arbeit Luzern. Statt Energie für unfruchtbare Kontroversen über die Häufigkeit von sexueller Ausbeutung zu verwenden, solle man lieber die Prävention intensivieren.

Anzeige