Ein «Verchäuferlislade» ist etwas Schönes. Man kann Eltern, Grosseltern, Götti oder Tanten in endlose Verkaufsgespräche verwickeln und ihnen Maga, Floris, Ovomaltine und Trybol im Miniaturformat andrehen. Einen Haken hat die Sache: Das mitgelieferte Geld ist nur Spielgeld und verhindert durch seine Existenz, dass echte Kohle fliesst.

Um reale Moneten für Ziehmi-Schleckstängel, Vampir-Glaces und Bazooka-Kaugummis zu erwirtschaften, benötigten wir: eine Siedlung mit auch tagsüber zu Hause sitzenden Hausfrauen - Anfang der siebziger Jahre gang und gäbe - und Schrebergärten. Denn Fremdgezogenes, sprich: in umliegenden Gärten «gefundene» Blumen waren unsere bevorzugte Handelsware. Beides bot unsere Strasse in Hülle und Fülle: Unser Jagdrevier erstreckte sich über sieben Häuser mit Dutzenden von Wohnungen und Gärten.

Mit Sträusschen jenseits jeglicher Frischegarantie putzten wir also «Sydefädelis» Klinken. Inspiriert von Lisa Tetzner und ihren «schwarzen Brüdern», strichen wir uns manchmal sogar Dreck ins Gesicht - in der Hoffnung, insbesondere bei den älteren Damen mehr Mitleid zu erregen und sie so zu grösseren Spenden in Form von Schokolade (häufiger) oder Bargeld (weniger häufig) zu bewegen. Nicht selten bezahlte Frau Schrebergärtner ein «Zwänzgi» für zwei halbverwelkte Tulpen, die Herr Schrebergärtner gezogen hatte.

Eine wirklich gute «Kundin» zeichnete sich dadurch aus, dass sie nicht nur Süsses oder Geld herausrückte, sondern uns zudem die Ware zwecks späteren Wiederverkaufs behalten liess. Das zweifelhafte Prädikat «gemein» erhielt, wer sich Zeichnung oder Blümchen krallte und uns mit einem «Das isch dänn lieb» die Tür vor der Nase zuknallte.

Leider war letztere Spezies relativ gut vertreten. Dass aus mir trotz frühestem Training keine Führungskraft der Schweizer Wirtschaftselite wurde, liegt jedenfalls nicht an meinen Eltern, auch wenn diese ob der halblegalen Geschäfte ihrer Tochter keineswegs «amused» waren.

Andrea Haefely
Im Sydefädeli, Zürich


Manchmal träume ich von der Sturmgasse. Es ist immer Sommer, der Geruch von frisch gemähtem Gras liegt in der Luft. Der Föhn bläst durch die Gasse, ich renne atemlos um die Hausecke, in der Hoffnung, meine Mitspieler zu entdecken. Aber wenn ich endlich einen erspähe, erwache ich. Das ist nicht fair. Denn darum ging es beim «Eggä gugguu»: Wer jemanden auf der gegenüberliegenden Seite des Hauses rennen sah, hatte gewonnen.

Ab und an versuchte ich zu mogeln und schrie den Namen einer Mitspielerin. Doch wer mich kannte, wusste sofort, dass es nicht stimmte. Meine Wangen glühten, der Blick senkte sich zu Boden. Als Kinder spielten wir «Eggä gugguu» den ganzen Sommer hindurch, Tag für Tag. Ein Spiel, das keiner vor und keiner nach uns spielte und das die Grenzen des kleinen Dorfs im Glarner Hinterland wohl auch nie verliess.

Einzig Frau Zimmermann vermochte uns die Spielfreude zu verderben. «Gebt endlich Ruhe», schrie sie uns oft zu. Dann einigten wir uns jeweils auf die Notwendigkeit eines Attentats. Opfer waren die Geranien. Ob wir die Blumen mit Puderzucker bestreuten oder die Blüten mit schwarzem Filzstift bemalten, bis sie aussahen wie Marienkäfer auf Grünzeug: Uns fiel immer wieder eine neue Variante ein.

Das hatte einmal Folgen: Auf dem Weg zum Bäcker - der übrigens Kuchen hiess - ging ich zügig am Haus von Frau Zimmermann vorbei, doch sie stand vor der Tür und winkte mich mit ernster Miene zu sich. «Hast du gestern die Buben beobachtet? Die haben schon wieder meine Geranien beschädigt. Sag mir, wer es war!» Es ist ja klar, dass sich mein Blick senkte und die Wangen glühten. Frau Zimmermann war entrüstet: «Von so einem lieben Mädchen hätte ich das nie gedacht!»

Monica Muijsers
Sturmgasse, Luchsingen GL


Wir wollten nach Australien. Mein Bruder, 6, mit der Zahnlücke und ich, 4. Wir gruben neben den Trübelisträuchern von Nachbarin Renfer mit der Lust der Entdecker, um zu jenen Leuten zu kommen, die mit den Köpfen nach unten auf der Erde leben. Das Loch wurde tief, die Empörung unserer Mutter gross. Sie hiess uns stoppen, weil wir den Büschen die Wurzeln kappen würden. Im Regen verwandelte sich der unvollendete Australientunnel in ein Schlammloch, und da gerade unsere vierjährige Cousine zu Besuch war, versenkten wir sie lustvoll darin.

Die Cousine ist heute Angestellte des Kantons Luzern, mein Bruder Arzt mit Praxis unweit der Trübelisträucher, und Nachbarin Renfer sitzt 36 Jahre später im Garten ihres Hauses am Buchrainweg und blättert in einer Illustrierten. «Die Löcher bei den Trübeli», sagt die 85-Jährige und schaut zu den drei Sträuchern, die noch immer wacker dort stehen, «daran erinnere ich mich nicht.» Also doch. Wir hätten getrost weitergraben können und hätten es vielleicht bis zu den Kängurus geschafft.

Meine ersten sechs Herbste, Winter, Frühlinge und Sommer habe ich in diesem Mehrfamilienhaus erlebt - in einem Quartier mit lauter Fünfziger-Jahre-Häusern mit abgerundeten Balkonen und Umschwung. Der Geruch der sonnenwarmen Steinplatten, der leicht überdüngten Erde, der Kiefer ist noch da. Nur klein sind die Veränderungen: Damals war die Strasse naturbelassen, heute ist sie geteert. Damals übersäte ein riesiger japanischer Kirschbaum im Mai den ganzen Rasen mit seinen rosa Blättern. Heute ist er gefällt. Aber die riesige Föhre steht noch. Auch die rostige Eisenfassung im Rasen gibts noch, in die meine Mutter den Wäscheständer steckte und die sich bei Regen mit Wasser füllte, in dem Käfer um ihr Leben ruderten.

Frau Renfer kommt zum Gartenhag. «Ich wurde hier nie richtig heimisch», sagt sie. «Wenn ich Längizyti habe, fahre ich nach Biel, wo ich herkomme.» Schön. Ich würde in einem solchen Moment nie an den Buchrainweg gehen, denke ich. Für «Längizyti» habe ich keinen Ort. Dafür hätte ich mich wohl nach Australien durchgraben müssen.

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Dominique Strebel
Buchrainweg, Zollikofen BE


Einmal ging es gründlich schief. Es muss 1974 gewesen sein: Mein Bruder sammelte Panini-Bildchen für die Fussball-WM in Deutschland. Und ich hatte als Siebenjähriger Velofahren gelernt - es sollte mir helfen, «die Welschen» zu beeindrucken.

Aufgewachsen in Freiburg, mitten im Röstigraben, waren wir Deutschfreiburger etwas an den Rand gedrängt - oder glaubten es zumindest. «Die Welschen» waren ältere Buben im selben Block. Sie spielten besser Fussball als wir, waren im Winter schneller unterwegs auf dem Schlitten und hatten, wovon wir nur träumten: Kassettenrekorder, Rollbrett und neue Jeans.

Ich wollte es ihnen zeigen, indem ich die Strasse mit den Bodenwellen vor den Garagentoren mit dem Velo hinunterbrausen würde. Vor Jacqueline, meiner Nachbarsfreundin, absolvierte ich ein Training. Das Vorderrad blieb in einem Schacht stecken, ich stürzte, schürfte die Haut auf, weinte jämmerlich. Zum Glück sahen es «die Welschen» nicht. Und zum Glück erzählte Jacqueline nichts. Obwohl sie doch auch «eine Welsche» war.

Beat Grossrieder
Route de la Gruyère, Freiburg


Als das Polizeiauto durch Cavivens fuhr, war das im Dorf eine Sensation. Streitigkeiten regelte man unter sich oder gar nicht, mit anderen Worten: Die Polizei hatte hier nichts verloren. Nur im Fernsehen, bei «Derrick» oder «Ein Fall für zwei». In gemütlichem Tempo kam der Streifenwagen vom Kirchplatz her, machte bei der alten Käserei kehrt und verschwand. Keine Sirene, nicht einmal Blaulicht.

Der Auftritt genügte, um in meinem Kopf wilde Spekulationen auszulösen. Ich tippte auf Mord. Blieb die Frage, wer wen um die Ecke gebracht hatte. Mit umgeschnalltem Revolvergürtel, den Sheriffstern am Kragen, ging ich auf die Suche nach Augenzeugen. Jeder, der mir begegnete, wurde angehalten und verhört. Ich fühlte mich wie Matula.

Bis ich zum alten Emil kam. Ich sei auf der falschen Fährte, raunte er. Die Polizei sei da, um all jene mitzunehmen, die kein Nummernschild hätten. Wo meines sei, fragte er mit bedrohlicher Miene. Mit wachsender Panik tastete ich Po und Rücken ab, so gut es ging. Nichts. Ich stolperte nach Hause, mit dem Rücken zu den Häuserwänden - aus Angst, jemand könnte entdecken, dass ich ohne Nummernschild unterwegs war.

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Yvonne Staat
Cavivens, Rabius GR


Ein lauschiges Seitensträsschen, das sich gepflegt den Zürichberg hochschlängelt - das war die Hölle meiner Kindheit. Profiwanderer und Bergziegen sähen im steilen Anstieg der Strasse wohl eine sportliche Herausforderung, doch als siebenjährige Asthmatikerin nahm ich den Schulweg jeden Morgen mit einem traurigen Seufzer in Angriff.

Die ersten 100 Meter kämpfte ich mich sommers in praller Sonne unter fiependem Keuchen bis zur S-Kurve hoch, wo ein gerades Strassenstück zur kurzen Verschnaufpause lud. Dort stand ich, nach Luft schnappend, im kühlenden Schatten des verwunschenen Abbruchhäuschens, in dem die unsichtbare Hexe wohnte, die aus Langeweile Kinder frass - glaubten wir Kinder. Das Hexenhaus misstrauisch im Blick, nach Atem ringend, war ich leichtes Opfer für die Leidenschaft des Nachbarsjungen, kleine Kinder zu erschrecken, indem er unvermittelt aus dem Gebüsch vor meine Füsse sprang. Ich erlitt so manchen Fast-Herzinfarkt.

Weitere 48 steile Meter ertrotzt, noch zwei Meter bis zur nächsten scharfen Linkskurve, da kündete ein fieses Surren in der Luft vom nächsten Übel, das kurz darauf sichtbar wurde: Eine Gruppe tollkühner 14-Jähriger sauste auf Fahrrädern ungebremst Richtung Stadt. Mir blieb nur, in die nächste Hecke zu hechten.

Verdreckt, atemlos, doch fast am Ziel. Noch gut 150 Meter bergauf bis zur rettenden Querstrasse, die schnureben zur Primarschule führt. Endlich oben, klebten meine Lungenflügelchen platt aneinander. An einen Gartenzaun geklammert, wollte ich gerade still eingehen, als die beiden dort heimischen Riesendoggen sich laut bellend gegen den Zaun warfen, der glücklicherweise zwei Meter hoch und aus Eisen war.

Drei lange Jahre absolvierte ich das Ganze viermal am Tag, auf dem Heimweg halt jeweils in umgekehrter Reihenfolge. Ein Wunder eigentlich, dass ich meine Kindheit überlebt habe.

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Iwon Blum
Schlösslistrasse, Zürich


Das Geräusch wurde irgendwann Teil meiner Heimat. Es schlich sich in die Landschaft und von da in mein Gedächtnis. Das öde Rauschen von Reifen auf Asphalt. Die Strasse meiner Kindheit war stark befahren. Opel Kadetts, DKWs, VWs, DAFs, Messerschmitts tuckerten auf der Verbindung zwischen Baden und Zürich. Hinhören brachte nichts. Es war stets dasselbe.


Nur manchmal, spätnachts, klingelte das Telefon zu Hause, und mein Vater, der Landarzt, sagte am anderen Morgen: «Es isch wider eine drüberuus.» Wer die scharfe Kurve ausgangs Würenlos nicht schaffte, stürzte über die Böschung. Einmal, auf dem Weg zur Schule, sah ich einen Jungen reglos auf der nahen Kreuzung liegen - sein Fahrrad neben sich. Er stöhnte laut. Alles Unglück, erklärte ein alter Philosoph, rührt daher, dass die Menschen nicht ruhig im Zimmer bleiben können. Davon wusste ich noch nichts.

Ein Holzzaun trennte die Strasse von unserem privaten Grund. Dessen Latten mussten ab und zu mit Teer bepinselt werden - als Witterungsschutz, hinten, vorn, unten, oben -, und diese unsagbar langweilige Aufgabe fiel im Turnus mir oder meinem Bruder zu. Ich bin noch heute der Überzeugung, dass mein Beitrag zur Grenzpflege um einiges grösser war. Sticht mir im Hochsommer der Geruch von Teer in die Nase, ist er begleitet vom Gefühl unentrinnbarer Langeweile.

Diese verflog, wenn Ruthli, ein Nachbarskind, zum Federballspiel kam. Ich liebte ihr heiseres Lachen und stellte mich oft ungeschickt, um es zu hören. Im Übrigen entdeckte ich, wie ich den Ball so schwach schlagen konnte, dass Ruthli, um ihn aufzufangen, nicht anders konnte, als sich mir zu nähern. Leider beharrte sie auf dem anderen Spiel. So blieb mir, den Ball auf die Strasse zu schlagen - versehentlich, versteht sich -, um ihn dann todesmutig aus dem Verkehr angeln zu können.

Früh, heimlich und konsequent wagte ich mich mit Vaters Fahrrad auf fremde Strassen. Meistens weit zum Dorf hinaus. Die Kunst war, nach der Rückkehr das Garagentor lautlos zu schliessen. Die Strasse meiner Kindheit führt direkt ins Wirtschaftswunder der sechziger Jahre. Leben fand ich auf Seitenwegen. Das ist heute noch so.

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Ueli Zindel
Landstrasse, Würenlos AG


Als Landkind wusste ich, woher die Milch kommt: aus der Molki an der Dörflistrasse. Dorthin schickte mich meine Mutter jeden Abend mit dem Milchkesseli, um zweieinhalb Liter Milch zu holen. So viel trank Familie Noser jeden Tag. Oder fast jeden Tag. Weil ich kein sehr talentierter Schwinger war und mir ein Salto mortale mit dem Kesseli selten gelang, landete die Milch statt daheim im Kühlschrank nicht selten auf der Strasse.

Deshalb gab ich das Kesselischwingen auf und konzentrierte mich beim Milchholen auf meine bevorstehende Karriere als Schlagersänger: Ich war in Gedanken oft unterwegs «auf der Strasse nach Mendocino» und stolperte immer wieder über Randsteine, weil ich, statt auf die Strasse zu achten, in eine imaginäre Kamera Lieder von Heintje oder Daliah Lavi sang. So wurden meine Träume zu Milchschaum im Rinnstein der Dörflistrasse, und zum Zmorge gabs einmal mehr bloss Tee.

Schlagersänger bin ich nicht geworden, aber die Milch hole ich noch selber - in anderen Strassen und im Tetrapak vom Grossverteiler. Die Schlager von damals summe ich auch heute ab und zu leise vor mich hin. Ich kann sie noch auswendig. Und weil die Kindheitsträume ausgeträumt sind, falle ich beim Milchholen nicht mehr so häufig auf die Nase.

Walter Noser
Dorfstrasse, Hütten ZH


Wir wohnten im dritten Stock. Mit freiem Blick auf acht rote Sandplätze. Tennis jeden Tag, ausser im Winter. Blob, blob - das Geräusch ist mir in bester Erinnerung. Später drosch hier auch Roger Federer Bälle übers Netz. Manche flogen über die Gundeldingerstrasse bis in unseren Vorgarten. Zwei Kilometer lang ist die Strasse, mit 10’000 Autos täglich eine der wichtigsten Hauptverkehrsachsen Basels. Dreckig und mit Abgasen verschmutzt zwar, aber die Lebensader meiner Kindheit. Die Strasse, in der meine Freunde wohnten.

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Eingangs, neben den Tennisplätzen, steht das St.-Margarethen-Kirchli oben auf einem Hügel. Hier heirateten meine Eltern, und am Hügel darunter schlittelten wir. Fünf Minuten hinter dem Gotteshaus findet sich ein Ort der Ruhe: das Sonnenbädli, 1903 eröffnet zur Förderung der Nackedeis. Freikörperkultur! Wir Kids stritten uns um die besten Plätze und lugten hinüber ins Abteil, wo meist alte Männlein und Weiblein auf Holzpritschen füdliblutt der Sonne huldigten. Die Neugier war gross, die Ernüchterung auch: Allzu sexy fanden wir das Schauspiel nicht.

Dann führt die Strasse vorbei an der Kunsteisbahn - der «Kunschti» -, wo ich manchmal auf den Hosenboden flog, vorbei am Margarethenpark, wo ich Frauenfürze zündete, bis an den Dreispitz, nahe dem Basler Fussballstadion Joggeli. Ich bin seit 20 Jahren weg vom Gundeli, der FCB-Kleber aber fährt an der Heckscheibe meines Autos immer mit.

Thomas Grether
Gundeldingerstrasse, Basel



Es war Sonntagnachmittag, und der Stadtpräsident stand in kurzen Hosen vor dem Zaun seines Gartens, als sei nichts passiert. Dabei war der Zaun demoliert. Das war er an fast jedem Sommerwochenende, denn er stand an einem schräg abfallenden Natursträsschen. Dieses führte zwischen dem Chalet von «HRM» - wie der Luzerner Stapi von Freund und Feind genannt wurde - und dem Wald hinauf zur Anhöhe.

Dahinter wohnten wir, und dort fanden die legendären Sommernachtsfeste unseres Vaters statt. Wer mit dem Auto kam, musste mangels Wendeplatz spätnachts rückwärts hinunterfahren - auf ebendiesem steilen, schrägen, stockfinsteren Schottersträsschen, in dessen letzter Kurve Hans Rudolf Meyers Zaun stand.

HRM, der kantige Ex-Brigadier, beklagte sich kein einziges Mal, obwohl er nur im Winter zaunmässig freihatte. Dann konnte der Rebstockrain wegen Schnee und Eis nicht befahren werden. Selbst der Lieferwagen mit der Kohle für unsere Heizung blieb stecken. Die Kohlensackträger höre ich noch heute schnaufen und schimpfen, wie sie am Waldrand vorbeistapften. Es war ein dunkler Wald, aus dem Geräusche drangen. Manchmal sprangen Rehe oder Füchse über den Weg, im Spätsommer roch es nach Eierschwämmen.

Inzwischen ist aus dem Strässchen eine asphaltierte Quartierstrasse geworden. HRM lebt nicht mehr, der Wald hingegen schon. Und er verdeckt, was an Häusern weiter oben neu erstellt wurde.

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Vera Bueller
Rebstockrain, Luzern