Beobachter: Sie sagen, es gebe in der Schweiz kaum Konflikte zwischen den Generationen, zugleich steht in Ihrer Studie, die Generationensolidarität müsse verstärkt werden, es brauche eine Generationenpolitik. Ein Widerspruch?
François Höpflinger: Es gibt nicht eigentliche Konflikte, sondern Trennlinien zwischen den Generationen mit wenig verbindenden Kontakten, vor allem ausserhalb der Familie. Wir definieren Konflikte als Wertegegensätze, wenn also zwischen der jungen und der älteren Generation fundamentale Meinungsunterschiede bestehen. Etwa wenn die ältere Generation Macht und Besitz anhäuft und die Kultur dominiert, würde sie die Chancen der Jüngeren schmälern. Diese Konflikte haben in der Schweiz seit den Jugendrevolten der achtziger Jahre eindeutig abgenommen. Es gibt aber durch die Bevölkerungsentwicklung Belastungen, etwa bei der AHV oder bei der Pflege, die durchaus ein Konfliktpotential enthalten. Hier ist die Politik gefordert.

Beobachter: Offenbar gibt es eine Diskrepanz zwischen den Beziehungen innerhalb der Familie, die recht gut funktionieren, und den Meinungen in der Gesellschaft, wo starke Vorurteile bestehen.
Höpflinger: Tatsächlich gibt es in der Gesellschaft noch viele Stereotype. Das Bild der Alten ist generell negativ, obschon die Jungen ihre persönlichen Kontakte zu Betagten positiv bewerten. Umgekehrt haben viele Alte ein schlechtes Bild von der Jugend - ausser gegenüber den eigenen Verwandten. Das zeigt, dass hier abstrakte Bilder wirken; hinter der Generationenfrage verbirgt sich die allgemeine Angst vor dem Wandel in unserer Zeit. Wer mit Veränderungen Mühe hat und unsicher ist, projiziert seine Ängste auf abstrakte Probleme: die Jungen, die Alten, die Ausländer.

Beobachter: Im Volksmund hört man jedoch laufend Begriffe wie «Generationenkrieg» oder «Alterslast». Das klingt doch ziemlich nach Konflikt...
Höpflinger: «Rentnerschwemme» ist auch so ein Begriff... Bei der ganzen Diskussion geht es jedoch mehr um Kulturpessimismus als um Generationenfragen. Die Überalterung der Schweiz etwa war bereits 1938 ein Thema; damals glaubte man, das Land werde im Jahr 2000 nur noch 2,8 Millionen Einwohner zählen. Und Klagen über die angeblich verwahrloste Jugend gab es schon zu Zeiten des griechischen Philosophen Sokrates vor über 2000 Jahren.

Beobachter: Es gibt aber auch Fakten: Als die AHV gegründet wurde, war das Verhältnis Werktätiger zu Rentnern 9:1, heute ist es 4:1, in 30 Jahren wird es 2:1 sein. Und die Dauer des Rentenbezugs hat sich von durchschnittlich drei Jahren auf 20 Jahre erhöht. Fachleute sprechen von «sozialem Sprengstoff».
Höpflinger: Hier liegt sicher ein Konfliktpotential, aber es gibt die Möglichkeit, das Rentenalter zu erhöhen; ich denke an eine künftige Limite von 67 Jahren. Oder man sucht neue Finanzierungen für die AHV, über die Mehrwertsteuer oder über eine Erbschaftssteuer, oder man baut die Altersteilzeitarbeit aus. Etwas Wichtiges darf man nicht vergessen: Die AHV zu finanzieren wird vor allem dann schwierig, wenn wir keine gut ausgebildete Jugend haben. Man darf also sicher nicht bei der Bildung sparen, um die Altersvorsorge zu sichern.

Beobachter: Stichwort Erben: Zwar hinterlässt die ältere Generation der nächsten jährlich rund 28 Milliarden Franken, doch kommt das Erbe immer seltener jungen Familien zugute, sondern geht von Hochbetagten an Betagte. Greift da die Solidarität ins Leere?
Höpflinger: Die Vermögensstruktur hat sich sehr nach oben verlagert. Im Alter haben die Leute am meisten Kapital. Junge Familien sind heute stärker armutsgefährdet als Rentner - auch hier besteht ein Potential für Konflikte. Daher müssen wir unsere Gesetze überdenken, etwa in Bezug auf Schenkungen, Patchworkfamilien oder Erbschaftssteuern. Es stellt sich jedoch die Frage: Wäre es wirklich gut, wenn junge Leute sehr viel erben würden? Ich befürchte, es käme häufig zum «Paris-Hilton-Syndrom», dass also die Jungen nicht mit dem Reichtum umgehen könnten. Für die jüngere Generation ist es eigentlich besser, wenn sie Bildung und Erziehung erhält statt Geld.

Beobachter: Die Leute leben immer länger und verursachen dadurch hohe Gesundheitskosten. Das bringt den Generationenvertrag ins Wanken. Was ist zu tun?
Höpflinger: Die unter 60-Jährigen bezahlen heute etwa vier Milliarden Franken an Pflegeleistungen für die Betagten - Tendenz steigend. Man muss sich also fragen, wie diese Leistungen gerechter finanziert werden. Vielleicht muss man die Betroffenen stärker zur Kasse bitten. Zentral ist auch die Prävention: Die Betagten müssen - wohl auch über finanzielle Anreize - ermuntert werden, etwas für ihre Gesundheit zu tun. Das Bewusstsein dafür wächst: Die Betagten haben einen starken Wunsch, selbständig zu bleiben. Ihre Kinder hingegen möchten sie oft eher bei sich aufnehmen oder in ein Heim schicken, um damit die Unfallrisiken zu mindern.

Beobachter: Viele Grosseltern betreuen ihre Enkel gratis, diese Arbeitsleistung wird auf jährlich zwei Milliarden Franken geschätzt. Und viele Angehörige pflegen ihre betagten Eltern gratis im Gegenwert von rund zehn Milliarden Franken. Ist diese Solidarität überhaupt gut, oder wäre es sinnvoller, Profis einzusetzen und damit Arbeitsplätze zu schaffen?
Höpflinger: Hier gibt es eine paradoxe Situation: In Ländern mit vielen sozialen Dienstleistungen helfen sich die Generationen gegenseitig mehr als in jenen Ländern, in denen der Sozialstaat wenig macht - dort ist die Hilfe im Einzelfall aber intensiver. In der Schweiz, wo wir gute Angebote haben wie die Spitex, helfen sich die Leute häufig aus, doch die Hilfe geht nur so weit, dass sie nicht zur Belastung wird. Das ist der Schlüssel für gute Beziehungen: Viele Betagte fühlen sich in der Intimität verletzt, wenn der eigene Sohn oder die eigene Tochter sie ausziehen und waschen muss - das sollen lieber Profis erledigen. Einkaufen, Einzahlen oder Putzen aber wird gern an Angehörige delegiert, ohne dass das die Beziehung stört. Man hat auch festgestellt: Wohnen Alte und Junge unter einem Dach, sind die Konflikte grösser, als wenn sie getrennt leben. Nicht umsonst gibt es bei Bauern seit je das Stöckli, in das sich die älteste Generation zurückziehen kann. Die Drei-Generationen-Familie ist ein Mythos aus den fünfziger Jahren und war bei uns nie eine verbreitete Realität.