Die Bescherung wollte kein Ende nehmen. Sie landete gratis und franko Haus rund dreimal wöchentlich in meinem Briefkasten. Zu den mannigfaltigen Gaben zählen zwei Jahresagenden, 34 Grusskarten, ein Anhänger mit Holzherz, ein Beutel Orangenpunsch, die CD «Unvergessliche Erinnerungen», eine Schweizer Karte mit Ausflugszielen, Wundpflaster, eine Tragtasche mit der Aufschrift «Der letzte Schrei», ein Beutel südafrikanischer Rooibos-Tee, ein Bastelbogen eines Bündner Bauernhauses und geheimnisvolle Blumensamen. Ausserdem die 64-seitige Schrift «Wir Bergler decken den Tisch», eine Weltkarte, ein als Einkaufsliste gestalteter Notizblock, das kartonierte Märchenbüchlein «Daumerlings Wanderschaft», Geschenketiketten, die 56-seitige Broschüre «Glückwünsche zum Vierzigsten, Waschbär» und eine Miniaturkrücke aus Holzstäbchen als Symbol für Minenopfer.

Das alles und noch viel mehr verdanke ich nationalen und internationalen Hilfswerken, die mich mit ihren kleinen Geschenken bei Spenderlaune halten wollten. Doch gerade der Laune wollte ich letztes Jahr nichts überlassen und fasste den Beschluss, alle Spendenaufrufe zu sammeln und Ende Jahr über die Bücher zu gehen. Folgerichtig sorgte im Dezember ein Berg von 135 Bittschriften für Kopfzerbrechen. Ein Anruf bei der Stiftung Zewo, die über die Lauterkeit von Hilfswerken und gemeinnützigen Organisationen wacht, schaffte Abhilfe: Ich solle die Briefe erst mal nach Themen ordnen.

«Gschänkli» machen durchaus Sinn
Gesagt, getan: Die 135 Briefe mit einem Gesamtgewicht von 4,698 Kilogramm teilte ich nach langem Hin und Her in elf unförmige, wacklige Papierhaufen auf und belegte damit Esstisch, Sofa und Stühle. Daraus ergab sich folgende Rangliste: Mit 31 Spendenaufrufen (874 Gramm) führten die internationalen Kinderhilfswerke die Hitliste an, gefolgt von 24 Briefen von internationalen humanitären Organisationen (856 Gramm) und 17 von Werken im Gesundheitswesen (536 Gramm). Kaum ins Gewicht fielen die drei Briefe zur Suchtprävention mit 100 Gramm und ein einsamer Aufruf der Flüchtlingshilfe mit 30 Gramm. Die Behindertenvereinigungen wiederum zeigten sich bei den Geschenklein am freigiebigsten: Aus zehn der insgesamt 13 Kuverts (690 Gramm) fischte ich allerlei Nützliches (siehe Textanfang).

Kein Wunder, machte sich ob dieser geballten Ladung das schlechte Gewissen breit, insbesondere weil ich die unaufgefordert zugestellten Präsente zwecks getreuer Buchführung nicht zurückschicken konnte. Nach Erkundigungen beim Beobachter-Beratungszentrum war ich beruhigt. Dazu sei ich nicht verpflichtet. Meine letzten Bedenken zerstreute der selbstständige Fundraiser – zu Deutsch Mittelbeschaffer – Martin Hürzeler: Es könne das Hilfswerk teurer zu stehen kommen, wenn ich das kleine Geschenk retourniere und die Post möglicherweise Strafporto erhebe.

Fundraiser Hürzeler eröffnete mir auch, mit meinen 59 Jahren und einem mutmasslich ordentlichen Einkommen könne ich der Gruppe «klassische Gönnerinnen und Spenderinnen» zugeordnet werden. Das Spendenbarometer, das den Schweizerinnen und Schweizern den Puls fühlt, untermauert Hürzelers Aussage: Von den über 50-Jährigen sind 80 Prozent bereit, «für einen guten Zweck» in die Spendierhosen zu steigen, von den 20- bis 30-Jährigen ist es nur etwa die Hälfte. Mehr noch: 50- bis 60-Jährige lassen pro Jahr gut und gerne 500 Franken springen – allen voran die Frauen. Junge entrichten einen Obolus von gerade 150 Franken.

Das Wort «Bettelbriefe» hört Andreas Cueni, Spezialist für Fundraising für gemeinnützige Organisationen, nicht gern: «Die Briefe sind durchdacht, präzise verfasst und bringen das Anliegen auf den Punkt», sagt er. Sie informierten über laufende Projekte oder zeigten auf, wie ein Einsatz Leben retten könne.

Dass die Organisationen aus Gründen der Wirtschaftlichkeit genau prüfen, ob von mir Spenden eingehen, erstaunt wenig. Dass das Spendenergebnis besser ausfällt, wenn dem Brief ein Geschenklein beiliegt, sei nachgewiesen, aber schwer erklärbar, sagt Hürzeler. Auch der Zeitpunkt des Aufrufs wird nicht dem Zufall überlassen, wie mich Fachmann Cueni aufklärt. Tatsächlich besinne ich mich, dass die Einzahlungsscheine gehäuft ins Haus flatterten, wenn die Zahlungen anstanden. Mein Lebenspartner, mit dem ich auch den Briefkasten teile, kann das bestätigen.

Ein Viertel für Verwaltung und Werbung
Warum eigentlich berücksichtige ich nicht jene Hilfswerke, die mein Scherflein vollumfänglich den Projekten und Betroffenen zukommen lassen? Ausser SOS Beobachter kenne ich keine Stiftung, die diese Voraussetzung erfüllt. Also versuche ich, mich via Internet schlau zu machen. Fündig werde ich bei der Zewo. Im Durchschnitt kommen 75 Prozent der Ausgaben direkt den Projekten und Dienstleistungen zugute, acht Prozent werden für Fundraising aufgewendet und 17 Prozent für administrative Tätigkeiten. Bei humanitären Auslandsorganisationen fliessen 81 Prozent direkt in die Nächstenhilfe, bei Inlandsorganisationen aus dem Sozial- und Gesundheitsbereich 70 Prozent.

Schon glaube ich, anhand dieses Verteilschlüssels diejenige Organisation ausfindig machen zu können, die mit meinen Spendenfranken am haushälterischsten umgeht. Denkste. Zewo-Geschäftsleiterin Martina Ziegerer belehrt mich eines Besseren: «Es wäre falsch, die Leistungsfähigkeit einer Hilfsorganisation auf diese eine Kennzahl zu reduzieren.» Sie sage noch nichts aus über die Wirkung der eingesetzten Mittel.

Da steh ich nun und bin so klug als wie zuvor. Fundraising-Spezialist Andreas Cueni, Autor des Ratgebers «Richtig spenden», hilft mir auf den Sprung: «Man kann Ja oder Nein sagen.» Und gerade aus der Vielfalt von gemeinnützigen Organisationen die individuell sinnvollste auszuwählen mache Freude.

Nun denn: Es herrsche Freude.

Anzeige